Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte. Wer auch immer dieser Dritte sein soll. Wenn sich meine Kinder streiten, freue ich mich überhaupt nicht. Das Streiten folgt bei uns einem festen Ritual. 1. Ohrenbetäubendes, hochdramatisches Gebrüll. 2. Der Mittlere (2) kommt tränenüberströmt an und berichtet, was ihm Fürchterliches widerfahren ist: Die Große (6) habe „geschreit“. „Warum hat sie geschrien?“, frage ich. Keine Antwort. „Sag ihr, sie soll nicht schreien.“ 3. Der Junge holt tief Luft, läuft ins Kinderzimmer zurück und schreit seine Schwester an: „Du sollst nicht schrien!“ 4. Verteidigungsrede der Gegenseite. 5. Zurück zu Punkt 1.

Worum geht es beim Streit? Manchmal fühlt sich die Große zurückgesetzt und will wie ihr Bruder gelobt werden, weil sie ihre Unterhose angezogen hat. Manchmal steigt der Mittlere aufs Hochbett, den Rückzugsraum des Mädchens im gemeinsamen Kinderzimmer. Manchmal ist offenbar gar nichts. Um die Sache geht es bei diesen „Diskussionen“ ohnehin nicht. Geschwister sind natürliche Feinde im Kampf um die überlebenswichtige Gunst der Eltern. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass sie im Durchschnitt sechsmal pro Stunde in eine Konkurrenzsituation geraten. Hoffentlich mussten die bemitleidenswerten Forscher keine teilnehmende Beobachtung im Kinderzimmer absolvieren.

Eltern, so die Wissenschaft weiter, sollen bei Streit nicht Schiedsrichter spielen, sondern Berater. Haben diese Theoretiker schon einmal versucht, mit einem wutentbrannten Zweijährigen über Problemlösungen zu diskutieren? Mir fallen da oft Szenen aus meiner Kindheit ein. 1. Meine Geschwister und ich prügelten uns unter den Wäscheständern im Kaufhaus. Ab dann nahm meine Mutter immer nur ein Kind mit in die Stadt. 2. Mein Bruder hatte ein Durchgangszimmer. Wenn wir Streit hatten, klebte er mit Isolierband die Fläche ab, die ich betreten durfte, um in mein Zimmer zu kommen. 3. Meine Schwester stand mitten auf der Treppe, mein Bruder oben und ich unten. Wir schrien beide gleichzeitig unsere kleine Schwester an. Da nahm ich mir vor, niemals drei Kinder zu bekommen.

Jetzt ist es doch anders, und das ist auch gut so. Aber was mir fehlt, ist so eine Treppe. Dann könnten die Kinder im oberen Stockwerk schreien und ich müsste es nicht hören.

Wenn ich sechs Menschen auf eine einsame Insel mitnehmen könnte, wären das mein Mann, meine Kinder und meine Geschwister. Und wer zankt, fliegt ins Wasser!

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