Bevor ich mich in ein langes Wochenende verabschiede, weil der nächste Eintrag hier erst am Montag zu lesen sein wird, denn morgen ist für mich, obwohl es ein Donnerstag ist, ein Frei-Tag, möchte ich, nein muss ich noch davon berichten, dass die zwei Stunden heute zwischen zehn und zwölf zu den schwierigsten gehören, die ich in den vergangenen zehn Jahren erlebt habe. Wenn ich die insgesamt sieben Gespräche, die ich dazu geführt habe, auch nur in Auszügen hier zusammenfassen wollte, würde dieser Text etwas dreimal so lang wie üblich, und deswegen verzichte ich darauf. Zwei Männer und fünf Frauen haben sich bei mir gemeldet, nachdem sie heute auf der Seite "Politik" die Nachricht "Menschen wären bald sowieso tot" gelesen hatten. Die grünen Politiker Boris Palmer hat sich darin zu den Lockerungen der Coronamaßnamen geäußert und meinte: "Ich sage es Ihnen mal ganz brutal: Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären." Seiner Ansicht nach müssten es unterschiedliche Sicherheitsvorkehrungen für Junge und Ältere geben. Palmer zufolge handelt es sich bei dem Großteil der an einer Corona-Infektion gestorbenen Menschen um welche mit Vorerkrankungen, die ohnehin nicht mehr lange zu leben gehabt hätten. Die wirtschaftlichen Folgen des Lockdowns seien gravierender. Nach einer Welle der Entrüstung hatte er sich später für diese Wortwahl entschuldigt. Den sieben Lesern (alle älter als 80 Jahre) war das dann jedoch egal, und sie machten aus ihren Gefühlen kein Geheimnis; zwei Frauen waren den Tränen nahe, zwei andere haben sie fließen lassen. Die beiden Männer waren vor allem wütend und haben den Tübinger Oberbürgermeister für seinen Gedanken auf eine Weise verurteilt, deren Wortwahl ich ebenfalls nicht wiederholen möchte, ich bitte um Verständnis. Zwei Leserinnen möchte ich abschließend zitieren. "Muss ich jetzt ein schlechtes Gewissen haben, dass ich so alt geworden bin und es mir wieder gut geht, nachdem ich vor einem halben Jahr eine schwere Herzoperation überstanden habe?", fragte mich die ein Anruferin. "Ich habe die Nazizeit noch miterlebt und bin bis heute davon ausgegangen, dass ich mich nie wieder mit solch schrecklichen Gedankengängen beschäftigen muss", meinte die andere Seniorin. Schwierig waren die zwei Stunden deshalb, weil ich gar nicht erst versucht habe, der Empörung und vielleicht sogar Verzweiflung etwas entgegenzusetzen, und die emotionalen Ausbrüche mich deshalb mit voller Wucht getroffen haben, und ganz ehrlich? Mir sind auch keine Argumente eingefallen, um die Politiker zu verteidigen, also habe ich gar nicht erst versucht.

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