Manchmal mache ich was ganz Verrücktes: Ich fahre mit dem Zug! Alleine mit meinen Kindern! Der Anlass sind meistens Besuche in Neusaarland. So nennt unsere Große (5) das Ländchen, in dem ein Teil unserer Familie wohnt (Landschaftliche Ähnlichkeiten mit einem Inselstaat im Pazifik wären rein zufällig).

Wir lieben das Zugfahren. Besonders im Kleinkindabteil im ICE. Und besonders, wenn diese Züge in „umgekehrter Wagenreihung“ verkehren, was man erst eine Minute vor Abfahrt erfährt, woraufhin man samt Gepäck den Bahnsteig entlangspurtet, um das Abteil zu finden. Dann klemmt man den Kinderwagen in eine Tür und hofft, dass jemand hilft, ihn hochzuheben. Und nein, man kann nicht erst einsteigen und dann das Abteil suchen. Der Wagen passt nämlich nicht durch die Gänge.

Den größten Teil der Strecke verbringen wir allerdings nicht im ICE, sondern in mehr oder weniger vollen Regionalzügen, die praktischerweise kaum Gepäckablagen haben. Dafür gibt es dort nette Menschen. Zum Beispiel musikalische Fußballfans, mit denen sich unser Kleiner (2) neulich anfreundete. Und die Große freute sich über die Fan-Hymne, in der ein Wort mit "Sch…" mehrmals vorkam. Übrigens macht es viel Spaß, dieses Wort unter den beschämten Blicken der Eltern durch den ganzen Waggon zu rufen…

Eine solche Fahrt ermöglicht Kindern also völlig neue kulturelle Erfahrungen. Außerdem lernen sie, Rücksicht zu nehmen. Als die Große gerade zu sprechen anfing, fuhr ich mal mit ihr und der Kuschelmaus im Nachtzug. Ich sagte: "Du musst leise sein, die Leute wollen schlafen!" Daraufhin krähte das Kind zwei Stunden lang: "Maus, leise! Leute schlafen!" Wenigstens hatte sie zugehört. Zu Hause ist der Kleine ständig mit der Holzeisenbahn beschäftigt. Unterwegs ist jede Überlandleitung für ihn ein Zug, ebenso die aufgereihten Liegen am Pool im Urlaub. Und selbst die Auswechselbank für die deutschen Spieler bei der Fußball-WM. In einem seiner Bücher macht die Lok immer Tschi-pfu. Sollte man dem Kind nicht beibringen, wie ein modernes Triebwagenfahrzeug klingt? Dieses penetrante Surren, "iiieeeehhhiiii"? Hoffentlich sagt er nicht bald: "Wenn ich groß bin, will ich Triebfahrzeugführer werden!"

Aber wer weiß, ob es bis dahin jenseits der Millionenstädte überhaupt noch Bahnverbindungen geben wird. Vor Kurzem warteten wir auf den ICE und er kam einfach nicht. Kein Wunder: Wir waren in Chemnitz.

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