Türenpädagogik

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Wenn sich ein Kind für etwas interessiert, dann ist eine Tür offen. Das hat mir mal eine erfahrene Montessori-Pädagogin gesagt. Kinder sollten in ihrem Tempo lernen und nicht nach 45 Schulminuten aus der Konzentration gerissen werden. Dieser Gedanke ist so simpel wie logisch und hat sich wahrscheinlich deshalb noch nicht in unserem Schulsystem durchgesetzt.

In der Privatschule Hommel müssen die Türen allerdings geschlossen sein. Denn das Schulkind möchte seine Ruhe haben. Vor den Feuerwehr-Großeinsätzen der kleinen Brüder. Vor allem aber vor den Eltern. Sobald ich das Zimmer betrete, findet meine Tochter plötzlich alle Schulaufgaben ganz furchtbar doof. Ich kann das ja verstehen. Ich finde auch so manches doof. Zum Beispiel, dass Kinder nicht in die Schule gehen dürfen, weil Erwachsene zu doof sind, eine Infektion in den Griff zu bekommen.

Aber zum Glück gibt es ja als Stimmungsaufheller den Kunstunterricht. Mit Papier und Farbe konstruiert das Kind einen Wohnwagen für Kaninchen. Zwei Knöpfe sind die Räder. Im Wagen gibt es nicht nur Möhren und eine Dusche, aus der es Süßigkeiten regnet. Sondern auch ein Ich-will-meine-Ruhe-haben-Häuschen. Ob ich auch so was haben kann? Vielleicht aus Lego? Allerdings ist zurzeit eher Playmobil angesagt. Das hat damit zu tun, dass unsere Heimschule gleichzeitig eine Privatuniversität ist. Vergangenes Wochenende kam mein Bruder und brachte für den Mittleren ein Geschenk zum fünften Geburtstag mit: Eine Polizeistation von Playmobil. Am Montag baute er sie auf, während nebenher seine Online-Vorlesung lief. Er hofft wohl, das als Übung in Konstruktionslehre anerkannt zu bekommen. Leider ist mein Sohn neuerdings nicht mehr Polizist, sondern Abrissarbeiter. Ich wusste gar nicht, dass man ein Spielzeug in so viele Einzelteile zerlegen kann. Ich würde das Ding ja wieder aufbauen. Aber irgendjemand muss auch noch die Wäsche aufhängen. Ich versuche es wieder mit Montessori. Nach dem Motto „Hilf mir, es selbst zu tun“ stelle ich den Wäschekorb einfach neben den Wäscheständer. Leider scheint bei meinen Kindern dafür gerade keine Tür offen zu sein.

Ich wollte nie Lehrerin werden. Aus gutem Grund. Aber es sind besondere Zeiten. Die Ideen für die Kolumne notiere ich auf einem alten Schnelltest-Ergebnis. Davon werde ich wohl später meinen Enkeln erzählen. In was für einer Schule werden sie wohl lernen? Jedenfalls nicht in der Privatschule Hommel.

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