Über das Spazieren

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Kind 1 saß auf dem Sofa und schaute schmerzverzerrt auf sein linkes Bein. Es habe sich gestoßen, und nun müsse das Bein dringend geschont werden, erklärte der Junge. Anschließend bat er mich um einen prüfenden Blick auf seine Gliedmaßen. Ob ich nicht auch den Eindruck habe, dass der linke Knöchel etwas dicker sei als der rechte Knöchel. Und außerdem sei die Hautpartie rings um das Knöchelchen leicht gerötet, was auf eine Entzündung hindeuten könnte. Na gut, sagte ich, wenn du Schmerzen hast, gehe ich eben mit Kind 2 spazieren. Da rieb sich Kind 2 die Stirn. "Aber ich habe Kopfweh", klagte das Mädchen. Na gut, sagte ich, dann gehe ich jetzt allein – spazieren.

Die Freizeit totzutreten, indem man Runden durchs Wohngebiet läuft, habe ich als Kind genauso geliebt wie Unkrautzupfen und Windpocken. Aber im Moment ist so wenig los, dass sich das ganze Land im Dauerspaziergang befindet. Corona, die Spaßbremse, und dazu Tief "Ulli", die Frühlingsbremse. So ziemlich alles, wofür früher die Zeit draufging, hat geschlossen. Die Wiesen sind zu nass, um mit den Kindern Fußball zu spielen. Zum Radfahren ist es zu kalt. Deshalb wandeln Spaziergänger unsere Straße entlang, sobald der Regen Pause macht. Manchmal verschränken sie ihre Hände auf dem Rücke und laufen so langsam, dass sie aussehen wie Statisten in einem Zeitlupenfilm, der irgendwas mit Corona heißt. Dazu der heldenhafte Blick des kleinen Mannes, der spazierend die Welt rettet.

Manchmal kommen ganze Familien vorbeigelaufen. Wer weiß, wer wen überreden musste und welche Kämpfe mit den Kindern ausgefochten wurden, um nun hier zu stehen? An unserem von Hühnern umgegrabenen Vorgarten. Eine Stunde mehr Handyzeit als Lohn für einen Spaziergang? Sieben Kugeln Eis? Der berühmteste deutsche Dichter aller Zeiten schrieb mit 56 Jahren liebevolle Verse über das Spazierengehen. Meine Familie könnte einen Ratgeber mit den 250 besten Ausreden verfassen, wenn man keine Lust auf Spaziergänge hat.

An dieser Stelle kommt wieder meine Fitnessuhr ins Spiel. Diese elektronische Handfessel zählt jeden Schritt, den ich mache, und erklärt mir, in welchem Zustand sich mein Körper befindet. Sie zählt meinen Kalorienverbrauch und erinnert mich, wann ich trinken muss. Und: Sie sagt mir, wer von meinen Freunden heute schon spazieren war, wo und wie weit und wie schnell. Wir sind über eine App miteinander verbunden, wir Spaziergänger. Ja, es herrscht Wettkampfstimmung!

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