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Eva-Maria Hommelwürde niemals eine To-do-Liste schreiben.

Meine Kinder erstellen gerne Listen. Ihre Freunde, Bundesländer, Welt- und Fantasiestädte – alles wird sortiert und aufgelistet. Natürlich nur im Kopf, nicht auf Papier. Vielleicht liegt es daran, dass die Kinder im Zeitalter der To-do-Listen aufwachsen. Früher tat man Dinge, heute schreibt man To-do-Listen. Ich dagegen halte mich an das Vorbild des Schriftstellers Marc-Uwe Kling, der unfreiwillig mit einem Känguru zusammenlebt: Ich schreibe Not-to-do-Listen. Und „To-do-Listen schreiben“ steht ganz oben auf meiner Not-to-do-Liste.

Doch meine Kinder wollen die Welt sortieren. Und stellen Gewissensfragen. „Was magst du mehr, Düsseldorf oder Brand-Erbisdorf?“, fragt mich der Mittlere. Was soll ich sagen? Ich habe lange in Köln gelebt, ich liebe das Erzgebirge und interessiere mich für die Bergbaugeschichte. Die Antwort sollte also klar sein. Trotzdem siegt die Großstadtsehnsucht. Bei meinem Mann ebenso. „Düsseldorf“, sagen wir wie aus einem Mund. Das Unverständnis unserer Kinder (die übrigens noch nie in Düsseldorf waren) ist grenzenlos.

Doch gleich wird die nächste Liste aufgemacht: Der Mittlere lässt mich Deutschlands Kopfbahnhöfe aufzählen (Leipzig, Frankfurt, München). Es folgen Durchgangsbahnhöfe (Köln, Berlin Hauptbahnhof, Kleinschirma). Wenn ich einen Fehler mache, werde ich korrigiert.

Menschen haben unterschiedliche Talente: Manche Vorschulkinder können schon ein bisschen schreiben und lesen oder putzen sich die Zähne, ohne dafür zehn Aufforderungen zu brauchen. Mein Sohn kennt sich mit Schnellzügen aus und weiß, dass der ICE der viertschnellste Zug der Welt ist. Und Deutschland das 62.-größte Land der Erde.

Da mein Sohn in letzter Zeit nur noch in Listenform mit mir spricht, habe ich mich angepasst. Dies ist die Liste meiner Lieblingsmomente als Mama:

1. Alle Familienmitglieder lachen gleichzeitig. Es gibt nichts Schöneres.

2. Die Kinder hören auf zu streiten, obwohl (oder weil?) man sich nicht um ihren Streit kümmert.

3. Der Kleine will „mit mir kuscheln“. Dabei muss man schmerzfrei sein. Denn „Kuscheln“ ist eigentlich nur ein anderes Wort für „auf der Mama herumklettern, als wäre sie ein Sportgerät“.

4. Eins meiner Kinder kostet etwas Neues. (Und wenn es drei Stück Sahnetorte wären. Ich würde jubeln).

5. Die Kinder lernen neue Wörter (bitte, danke, gerne).

6. Ein Kind schreit, es ist nicht meins.

7. Ich liege morgens im Bett, im Kinderzimmer singt jemand (passiert manchmal).

8. Alle schlafen, außer mir (passiert selten).

9. Wir sind auf dem Fußweg unterwegs, entgegenkommende Erwachsene weichen zur Straßenseite aus und lassen die Kinder innen gehen (passiert nie).

10. Ein Kind liegt im Bett, streckt die Füße raus und sagt: „Das war so ein schöner Tag“!

So, das war’s. Jetzt muss ich wieder meine To-do-Liste abarbeiten.

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