Für gewöhnlich berichte ich hier von dem, worüber ich mit Lesern am Telefon spreche, doch heute geht es einmal um das, was Leute mir per Mail geschrieben haben, denn innerhalb von fünf Minuten habe ich um kurz vor neun unmittelbar nach dem Hochfahren meines Computer im Büro mehrere Dateien geöffnet und nach dem Lesen der Inhalte dies gedacht: Liebe für Leserobmänner zuständige Himmelsbewohner, wenn es Euch gibt, so lasst diesen Tag entweder ohne eine weitere Beeinflussung meines Wohlgefühls enden oder gebt mir die Kraft, die mir gerade abhanden gekommen ist, allen mir zugetragenen Unmut mit heiterer Gelassenheit besser zu verarbeiten, als ständig zur bitteren Schokolade greifen oder einmal um den (hausinternen) Block gehen zu müssen. Unter anderem solche Mails waren dafür verantwortlich:

"Sie haben heute die falschen Lottozahlen abgedruckt", schrieb mir eine Frau und sorgte so dafür, dass mir der Schreck in die Glieder fuhr, weil ich aus Erfahrung weiß, dass kaum etwas so sehr für Ärger bei den Leuten sorgt wie falsche Gewinnzahlen in der Zeitung, was sich auch diesmal als richtige Einschätzung erwies, denn außerdem weitere fünf Leser in der Telefonleitung haben mich auf die falschen Angaben hingewiesen, von denen vier absolut gar kein Verständnis dafür aufbringen wollten oder konnten, dass Menschen nun mal leider auch Fehler machen von der Art, die eigentlich niemals passieren dürften. In einer zweiten Mail ging es dem Verfasser um eine eher generelle Abrechnung mit den für den Zustand der gesamten Welt verantwortlichen Personen, und am Ende des zwei Seiten langen Textes, den ich diagonal vollständig erfasst hatte, las ich dann diesen Satz: "Die Intelligenz des Teufels ist ausreichend, um dem Antichristen die Möglichkeit zu geben, sein Werk zu vollenden."

Bei dieser Nachricht baute sich vor meinem geistigen Auge ein Bild vom ewig beziehungsweise bei mir täglich grüßenden Murmeltier auf: "Mich würde interessieren, was noch passieren muss, dass Sie gegen die Beibehaltung der Lockdown-Maßnahmen der Regierung protestieren - muss das Land wirklich erst ganz am Boden liegen?" Zwei Minuten später legte ein anderer Leser mit seiner Mail seinen Finger noch tiefer in genau diese Wunde, denn er schrieb mir dies: "Der Osten wird platt gemacht, damit der Westen überleben kann." Und als ich dann schließlich diesen abschließenden Satz in der Mail eines Leser mit seiner Meinung zur politischen Lage in unserem Land las, habe ich dann beschlossen, das besagte Stoßgebet in Richtung Himmel abzusetzen, denn der Mann meinte: "So ist es in Deutschland, nur Parteispenden und das, was zwischen Zeigefinger und Daumen passt, ist wichtig." 

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