Unverfroren

Ein Wunder ist geschehen: In unserem Wohnzimmer hat es geschneit! Für mich, die ich eine weitgehend schneefreie Kindheit im Flachland hatte, ist der erste Schnee immer ein kleines Wunder. Selbst dann, wenn die Schneeflocken quadratisch sind und noch vor Kurzem als Papiertaschentücher firmierten. Wenigstens verursacht dieser Schnee keinen Wasserschaden, wenn er schmilzt.

Und wenigstens haben die Kinder im Lockdown keine Langeweile. Die Eltern übrigens auch nicht. Denn beim Aufräumen brauchen die Kinder meistens Hilfe. Unordnung schaffen sie dagegen ganz alleine.

Mit vereinten Kräften wird der „Schnee“ also in einen Eimer geschaufelt. Leider ist die Tonne voll mit Pappkartons. Denn der Weihnachtsmann hat die Geschenke dieses Jahr nicht selbst angeliefert, sondern Subunternehmer aus der Logistikbranche beauftragt.

Also: Schnee-Zwischenlager im Arbeitszimmer. Doch dann kommt plötzlich ein Schneesturm auf, und eine Papierflocken-Lawine rollt durch den Flur. Da fällt mir das Lied ein, dass der Mittlere einmal sang: „Schneeflöckchen, Weißröckchen, warum kommst du geschneit?“

Bessere Laune bringt der Blick aus dem Fenster: Die Nachbarn haben einen Riesenschneemann gebaut, doch dann kam das Tauwetter. Und jetzt droht der Kerl, nach hinten zu kippen. Zu viel Glühwein? Oder Corona? Ich meine natürlich das Bier.

Es gab Zeiten, da nannte mein mittlerer Sohn jeden Schneemann „Olaf“. Nach einem berühmten Helden aus einem Film. Jetzt nennt mein kleiner Sohn jeden, der eine Bommelmütze trägt, Weihnachtsmann. Zum Beispiel auch die junge Frau mit Stiefeln und engen Jeans, die uns auf der Straße entgegenkommt. Ja, sie trägt eine rote Mütze. Den Weihnachtsmann habe ich mir trotzdem immer ein wenig anders vorgestellt.

Schneemänner kann man im Park bewundern. Eine ganze Galerie. Da die Schneedecke so dünn ist, haben die Künstler auch Blätter und Dreck kunstvoll eingearbeitet. Die Verwaltung des Mangels eben.

Da gehe ich doch lieber mit meinen Kindern „den Berg runterfahren“. So nennt der Kleine das Rodeln. Ihn fasziniert vor allem die Spur, die der Holzschlitten im Schneematsch hinterlässt. Doch irgendwie bin ich neben der Spur. Ich schaffe es einfach nicht, immer dieselbe Linie zu fahren. Nach fünf Versuchen sieht unsere ehemals schnurgerade Bahnstrecke aus wie ein Rangierbahnhof. Mein Sohn ist tief enttäuscht. Doch in der Nacht fällt Neuschnee und verdeckt die Spuren mütterlichen Versagens. Wenn es nur immer so einfach wäre.

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