Mit außergewöhnlichen Herausforderungen hinsichtlich meines Einfühlungsvermögens in die Sorgen und Nöte der Anrufer sehe ich mich bei den Gesprächen mit Lesern zwischen zehn und zwölf nahezu täglich konfrontiert, weshalb ich ihnen eigentlich auch schon lange nicht mehr die Aufmerksamkeit zukommen lasse, mit der ich in den ersten Jahren meiner Tätigkeit als Leserobmann versuche habe, sie zu keiner größeren Belastung für mein seelisches Gleichgewicht werden zu lassen. Aber weil es heute innerhalb einer halben Stunde gleich drei solcher Unterhaltungen gab, bei denen ich den Leuten in der Leitung leider mitteilen musste, dass wir an einem Punkt angelangt waren, an dem ich ihnen ganz einfach nicht mehr weiterhelfen konnte, obwohl ich mitunter auch Verständnis für ihr Unbehagen hatte, möchte ich ausnahmsweise einmal darüber berichten.

Episode 1: "Es waren mindestens 20 Militärmaschinen, die um kurz vor sechs in Richtung Osten geflogen sind, und mir lief es eiskalt den Rücken runter", meinte ein Leser aus dem (tiefsten) Erzgebirge und erklärte mir weiter, dass er nicht gewusst habe, wen er sonst hätte anrufen können, um eine Antwort auf die Frage zu bekommen, ob möglicherweise ein neuer Krieg ausgebrochen sei, von dem er noch nichts wisse. Also habe ich versucht, ihn zu beruhigen und deshalb gefragt, ob er die Berichte und vor allem auch die Leserbriefe über das geplante Großmanöver der Nato auf dem Baltikum zur Kenntnis genommen hatte, weil es sich vermutlich um die Verlegung von Flugzeugen zu diesem Zweck gehandelt haben dürfte. Nein, das Thema sei ihm ganz neu, obwohl er mir versicherte, immer sehr aufmerksam die Zeitung zu lesen, weshalb ich ihm dann in wenigen Sätze beschrieben habe, was dort an der Grenze zu Russland demnächst an Kriegsspielen alles so abgehen soll. Den Punkt, an dem ich mir meine Unfähigkeit eingestehen musste, weil ich nichts weiter zu sagen hatte, war erreicht, als der Mann mir in der Leitung dies sagte: "Angst habe ich trotzdem, sie ist jetzt nicht kleiner, eher größer geworden."

Episode 2: Insgesamt 17 Leser haben mich gestern und heute angerufen, weil sie über den Artikel "Geister des Gestern" auf der Kulturseite mit mir sprechen wollten. Wenn es nicht nur um eine Zustimmung beziehungsweise ein Lob für den Autor ging, sondern um eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Essay, habe ich gestern die Anrufer gebeten, den Kollegen selbst anzurufen und mit ihm darüber zu reden. Das aber war heute nicht mehr möglich, weil der Redakteur nun Urlaub hat und nicht mehr für Gespräche mit Lesern zur Verfügung steht. Bei einer Unterhaltung ist mir das dann tatsächlich gewaltig auf die Füße gefallen. "Uns wurde im Staatsbürgerkundeunterricht eingetrichtert, dass die Diktatur des Proletariats eine gerechte und demokratische sei, geglaubt haben es die wenigsten", meinte ein Leser, der den Artikel als ein "Plädoyer für den Kommunismus" verstanden hatte und dem nun vehement widersprechen wollte. Also habe ich ihm gesagt, dass ich ihm gern zuhöre, aber in der Sache selbst nicht diskutieren kann, weil ich zu wenig in der Materie stecken würde. Eine kurze Pause, offenbar war ihm gerade etwas eingefallen, dann sagte der Mann in der Leitung: "Sie sind doch gar nicht von hier, wenn ich mich recht erinnere, sie sind doch einer von drüben, oder?" Das war in diesem Fall der Punkt, von dem aus das Ende der Unterhaltung bald erreicht war; schade auch, war mein letzter Gedanke, aber wenn solche Gefühle ins Spiel kommen, weiß ich auch nicht weiter.

Episode 3: "Ich würde Ihnen gerne mal meine Meinung zum neuen Ost-Beauftragen der Bundesregierung sagen, geht das?", fragte mich eine Anruferin und durfte loslegen, nachdem ich ihr versichert hatte, dass ich ganz Ohr bin und ihr aufmerksam zuhöre. Etwa eine Minute später war sie fertig, doch als ich mich schon für die Unterhaltung bedanken wollte, fiel sie mir ins Wort und fragte mich: "Wenn ich das alles aufschreibe, würden Sie einen solchen Leserbrief auch veröffentlichen?" Einen kurzen Moment habe ich gezögert, doch dann habe ich mein Geständnis, ihr in dieser Angelegenheit nicht weiterhelfen zu können, mit diesen Worten zusammengefasst: "Nein, leider nicht." Dass auch Leserbriefe an Regeln gebunden sind und der respektvolle und nicht beleidigende Umgang gegenüber Personen des öffentlichen Lebens und vor allem Politikern zwingend dazugehört, wollte ich ihr gerade erklären, als die Frau in der Leitung beschloss, sich das nicht mehr anhören zu wollen und sagte: "Habe ich mir gedacht, aber jedenfalls fühle ich mich jetzt besser." 

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