Vom Wollenmüssen

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Eva-Maria Hommel wünscht sich, die Kinder würden einfach nur Nein sagen. 

Es gibt Momente, da muss ich einfach sagen, was sein muss: „Wir müssen jetzt los.“ „Ihr müsst jetzt endlich ins Bett.“ Und dann sagen meine Kinder: „Man muss überhaupt nichts.“

Keine Ahnung, woher sie den Spruch haben. Wahrscheinlich aus der Schule. Dort verbreiten sich solche Sprüche noch schneller als Erkältungsviren und Kopfläuse. Von früher kenne ich noch „Man muss gar nichts, außer pinkeln und sterben.“

Was für ein Quatsch. Natürlich muss man so einiges. Der Mensch hat doch einen Überlebenstrieb. Was wäre, wenn die Menschen nicht essen müssten? Es gäbe keine goldenen Weizenfelder, keinen Pflaumenkuchen mit Streuseln und kein Brot für 4,30 Euro, das schmeckt wie Pappe. Und man muss noch mehr: Sich waschen. Sich an Regeln halten. Und so weiter.

So ähnlich klingt der Vortrag, der bei meinen Kindern allerdings auf mäßige Begeisterung stößt. Ist wie früher in der Uni. Dort lernte ich, dass müssen eigentlich wollen ist: Der Mensch gibt einen Teil seiner Freiheit an den Staat ab, damit dieser Regeln festlegt und sich nicht alle die Köpfe einschlagen.

Damit wäre auch die Frage des Mittleren beantwortet, ob man von der Schule mal einen Tag Pause machen darf (2. Schulwoche!). Die Antwort: „Nein. Du musst zur Schule gehen, und du willst es eigentlich auch, weil es besser für dich ist.“ Nun ja. Ich fand Politikwissenschaft schon immer etwas  zu theoretisch.

Das größere Problem ist doch sowieso nicht das Müssen, sondern das Wollen. Da gab es in den Nullerjahren mal ein Lied: „Wir können alles schaffen, genau wie die tollen dressierten Affen, wir müssen nur wollen.“ Was werden mir meine Kinder eines Tages um die Ohren singen? Dass es besser fürs Klima ist, wenn alle weniger wollen? Die Corona-Lockdowns waren eine gute Übung. Wenn ich darauf zurückschaue, denke ich nicht daran, was wir alles nicht durften. Sondern daran, was eine Familie nicht musste: Zu Terminen hetzen. Verabredungen einhalten, die man eigentlich nicht will. In überfüllten Innenstädten einkaufen. Angst haben, etwas zu verpassen. All das muss man natürlich auch jetzt nicht. Aber offenbar will man es wieder, sonst würde man es nicht tun.

Und wie verhält es sich eigentlich mit dem Dürfen? In meiner Lieblingsbuchhandlung habe ich ein Büchlein entdeckt. Es heißt „Dürfen Zwerge Riesenrad fahren?“ Und es enthält keine Antworten, sondern nur Fragen: Darf man im Weinkeller auch mal lachen? Und darf man mit einer Hose auf ein Rockkonzert? Ich wollte es für den Mittleren zum Schulanfang kaufen, aber dann dachte ich: „Muss doch jetzt nicht sein.“ Einen Tag später hatte er es doch – eine Freundin hatte das Buch ebenfalls gesehen und mitgebracht. Kleinstadt-Magie.

Jetzt blättere ich und frage mich, ob das Nichtdürfenwollen eigentlich das größte Problem ist. Oder, um es mit Karl Valentin zu sagen: „Mögen hätte ich schon wollen, aber dürfen hab ich mich nicht getraut.“

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