Ein Zufall ist es eigentlich nicht, aber wirklich gewollt habe ich das auch nicht; es hast sich eben so ergeben und ist meiner Ansicht nach ein weiteres Indiz dafür, dass es schwierige Zeiten sind, in denen wir gerade leben: In den vier Randnotizen aus den Protokollen meiner Gespräche mit Lesern zwischen zehn und zwölf zum Wochenausklang geht es diesmal ausnahmslos um Reaktionen auf Artikel in der Zeitung, die mich mehr oder weniger rat- und sprachlos zurück- und alleinließen mit dem Problem, dass ich manchmal weniger zur Trostschokolade greifen, als vielmehr in die Tischkante beißen möchte.

Episode 1: Der Mann sagte mir, dass er mit mir über den Artikel "Kandidatinnen nicht mehr im Bikini", in dem es darum ging, dass künftig bei der Wahl der Miss Germany die Bewerberinnen sich nicht mehr im zweiteiligen Badeanzug präsentieren sollen, reden wollte und ob er mir eine Frage dazu stellen darf; ich hatte nichts dagegen. "Wissen Sie, warum diese Entscheidung getroffen wurde?", meinte er und verwies auf den letzten Satz in der Meldung, demnach die Veranstalter damit auf die gesellschaftliche Entwicklung der vergangenen Jahre reagieren würden. Natürlich kannte ich die Antwort, doch war ich mir sicher, dass es nicht die ist, von der mein Gesprächspartner meinte, es sei die richtige. Also durfte er ausreden, bevor ich mich (freundlich wie immer) von ihm verabschiedete: "Das ist die Folge des zunehmenden Einflusses des muslimischen Glaubens in unserer Gesellschaft."

Episode 2: In diesem Fall möchte die Meinung des Lesers, der sich wegen des Artikels "Männlich, weiblich - divers", der eine eventuelle Entscheidung der Bundesregierung zum Inhalt hatte, demnach die Eintragung einer dritten Geschlechtsoption in die Geburtenregister ermöglicht werden soll, an mich gewandt hatte, für sich allein stehenlassen und nicht weiter kommentieren: "Viele Menschen wissen das nicht. Einzigartig und wunderbar, ist jeder Mensch gemacht, geschaffen, von einem einzigartigen Schöpfer. Wer das nicht glaubt, ist eigentlich arm dran. Dass nun die Politik den Wenigen helfen, die sich Intersexuell bezeichnen oder  im eigenen Körper unwohl fühlen, ist die eigentliche Katastrophe."

Episode 3: "Ich habe die Absicht, den Bezug der Zeitung zu kündigen", sagte die Frau in der Leitung, nachdem sie sich vorgestellt hatte, und fügte hinzu: "Damit sind Sie eindeutig zu weit gegangen." Nachdem ich sie gefragt und sie mir den Artikel genannt hatte, konnte ich mir die Zeilen durchlesen, auf die sich die Leserin bezog: "In der Folge kam es etwa ab 10 Uhr über Stunden hinweg zu kilometerlangen Staus und Teilsperrungen. Auslöser war am Vormittag ein auf der A 4 wegen eines Defekts liegengebliebener Pkw eines 79-Jährigen, auf den zunächst ein 86-Jähriger auffuhr. In der Folge fuhr auch noch eine 71-jährige Frau in die beiden Fahrzeuge." Die Anruferin formulierte ihren Protest so: "Sie diskriminieren uns Senioren und stellen uns hin, als seien wir alle zu betagt, um noch Autofahren zu können; das darf doch wohl nicht wahr sein."

Episode 4: Ob ich das Lied "Über sieben Brücken musst du gehn" kennen würde, fragte mich ein Leser, was ich ihm natürlich bestätigte: "Habe ich seit Jahren schon in meinem Programm." Das Thema, das er damit einleiten hatte wollen, war dann allerdings eins, bei dem mir die Kinnlade vor Erstaunen herunter klappte (nur bildlich, nicht tatsächlich), denn er schob noch die Liedzeile "siebenmal wirst du die Asche sein" ein, bevor er mir sagte, weswegen er angerufen hatte: "Ich möchte mit mal Ihnen darüber reden, was meiner Meinung nach die Ursache für den Einsturz der Autobahnbrücke in Genua sein könnte."

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