Gerade ältere Damen zu verärgern, nur weil ich ihnen erläutere, warum ich, zumal sie danach gefragt haben, grundsätzlich anderer Meinung bin als sie, gehört mit Sicherheit zu den weniger angenehmen Seiten meiner Arbeit als Leserobmann. Denn die Frauen im Seniorenalter rufen mich an, weil sie etwas stört und sie jetzt jemanden brauchen, mit dem sie darüber reden können und der Verständnis für ihren Unmut aufbringen soll, weshalb sie mitunter noch schlechter gelaunt sind, nachdem sie das Gespräch mit mir beende haben; manchmal legen sie einfach auf, ohne sich zu verabschieden. Die beiden Beispiele von heute: Die erste Leserin wollte mit mir darüber reden, dass es doch eine völlig verfehlte Strategie sei, wenn man das Reisen grundsätzlich und speziell mit Bussen wieder zulasse, um die Unternehmen wieder zu mehr Umsatz zu verhelfen, während man gleichzeitig Auflagen erteile und die älteren Menschen dazu nötige, ständig eine Mund- und Nasenbedeckung zu tragen, weil ihnen das gerade in Bussen besonders schwer falle und sie deshalb vermutlich eher darauf verzichten, eine solche Tour zu buchen. Mein Einwand: "Dem Schutz vor Ansteckung und das Eindämmen der Verbreitung des Virus wird aber mehr Gewicht beigemessen, daran kann man einfach nichts ändern, das müssen auch die Senioren leider akzeptieren." Was sie davon hält, hat sie mir noch gesagt, bevor sie den Hörer aufgelegt hat. Der zweiten Anruferin ging es nach der Unterhaltung mit mir auch nicht besser, obwohl wir tatsächlich ein paar Minuten lang kontrovers diskutiert und nicht gestritten haben. Bei mir gemeldet hatte sie sich wegen des Artikels "Her mit den Schnipseln" auf einer Nachrichtenseite für Kinder, in dem es darum ging, dass zerrissene Dokumente aus DDR-Zeiten wieder zusammengesetzt und lesbar gemacht werden von Mitarbeitern einer Behörde, die für die Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit bis 1989 zuständig sind. "Das gehört auf keinen Fall auf eine Kinderseite", meinte die Frau in der Leitung, weil die Jüngsten niemals verstehen könnten, dass beziehungsweise warum es damals eine Geheimpolizei gab, deren Mitarbeiter die Menschen überwachten und bespitzelten, und ein völlig falsches Bild von der DDR bekommen würden. Meine erste Reaktion: "Gerade Kindern sollte man das Thema nahebringen, weil man sie nicht früh genug für die Geschichte des eigenen Landes sensibilisieren kann", sagte ich und trat damit eine Debatte los, an deren Ende ist nicht einmal so etwas wie einen kleinsten gemeinsamen Nenner gegeben hat. "Kinder können so etwas nicht begreifen", meinte die Leserin und stieß damit bei mir bis zuletzt auf Widerspruch. Im Gegensatz zu diesen beiden Unterhaltungen habe ich bei den drei Gesprächen mit Lesern, die mich wegen des Nachrufs "Der Mann, der die Welt verpackte" über den verstorbenen Christo angerufen hatten, weil sie mit mir über Kunst und die Frage, ob der Mann nicht in Wirklichkeit ein "Spinner" war, dem es nur um "Sensationshascherei" ging, reden wollten, auf eine Diskussion verzichtet und gesagt: "Vielen Dank für Ihren Anruf, ich habe Ihnen gern zugehört und werde die Kollegen in der Redaktion über Ihre Meinung informieren." Ob ich es manchmal mit der Wahrheit nicht ganz so genau nehme? Also, das ist so, ich ...

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