Eigentlich wollte ich in meinen Randnotizen aus den Protokollen der Gespräche mit Lesern zwischen zehn und zwölf heute etwas zum Ausdruck bringen, das ich bewusst nicht extra so formulieren wollte, weil ich dachte, es würde zwischen den Zeilen auch so deutlich werden, doch mittlerweile traue ich meinem eigenen Urteil nicht mehr so richtig und schreibe deshalb, wozu ich uneingeschränkt stehe: Hoffentlich ist diese Krise bald vorbei.

Episode 1: Dass der Ton die Musik macht, gehört zu den am häufigsten genannten Hinweisen, die ich gegenüber Lesern näher erläutere, wenn sie mich angerufen haben, weil sie mir einen Leserbrief geschickt hatten, dieser aber nicht veröffentlich worden ist. Ein Mann musste sich von mir diese Beispiele aus seinem Meinungsbeitrag anhören, die dafür verantwortlich waren, dass er nicht auf der Seite "Leserforum" veröffentlich wurde: "Die Verantwortlichen haben den Schuss nicht gehört", "vor allem die Konsumfetischisten", "Hauptsache die Bonzen" und "am Ballermann Urlaub machen, um dann auf Staatskosten wieder heimgeflogen zu werden". Wirklich eingesehen hat der Anrufer meine Einwände am Ende leider nicht ganz.

Episode 2: Heute hat mich der elfte Anruf eines Lesers erreicht, der sich beschwert beziehungsweise fürchterlich darüber beklagt hat, dass meine Kollegen in der vergangenen Woche als Illustration des Artikels "Der Missbrauch des Schäferhunds" ein großes Foto von Adolf Hitler mit seinem Hund an der Leine gezeigt hatten. Und zum elften Mal bereitete es mir ein besonders großes Vergnügen, den 90-jährigen Mann in der Leitung ebenso wie alles anderen Leser zunächst einmal sprachlos zu machen, weil ich ihnen im Brustton der Überzeugung dies gesagt habe: "Ich stimme Ihnen uneingeschränkt zu, denn Sie haben vollkommen Recht, diesen Mann muss man sich wirklich nicht mehr anschauen müssen." Und noch diese Botschaft für meine Kollegen in der Redaktion: Es sind vor allem solche kurzen Momente, in denen ich genau weiß, warum mir dieser Job immer noch viel Spaß macht.

Episode 3: In diesen Tagen und Wochen schreiben mir die Leser der "Freien Presse" nicht nur überdurchschnittlich viele Briefe mit ihren Meinungen zu den Ursachen und Auswirkungen der Pandemie, sondern sie lassen mir auch viel mehr als gewöhnlich eine Kopie eines sogenannten Offenen Briefs an Politiker und Funktionsträge zukommen. In der zu Ende gehenden Woche waren es beispielsweise zwei, die an den Bundespräsidenten gerichtet waren, zwei an die Adresse der Bundeskanzlerin sowie jeweils einen an den sächsischen Ministerpräsidenten und an den Kultusminister in seinem Kabinett. Zu den vermutlich auf ewig unergründlichen Mysterien meiner Arbeit als Leserobmann gehört aber die Tatsache, dass ich ich auf diese Frage wohl niemals eine Antwort bekommen werde: Glauben die Verfasser solche Offener Briefe wirklich, dass der Inhalt ihrer Schreiben in der Zeitung auch nur auszugsweise veröffentlicht werden können? Der längste war übrigens vier Seiten lang.

Episode 4: In meiner Liste der am meisten zur Bekräftigung ihrer Meinung von Lesern angeführten Zitate von berühmten Menschen hat es eine Neuaufnahme gegeben (immer bei einer zweiten Erwähnung), denn als unterstreichenden Kommentar seiner Haltung zu der Meldung mit der Überschrift "Kanzlerin plant keine Steuererhöhung" zitierte ein Leser den ersten deutschen Reichskanzler, der gesagt haben soll: "Es wird niemals so viel gelogen wie vor der Wahl, während des Krieges und nach der Jagd." An erster Stelle stehen nach wie vor unangefochten diese Worte von Albert Einstein: "Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher."

Episode 5: Und zum Schluss darf ich noch einen Rekord vermelden, denn das Gedicht, das mir ein Leser zugeschickt hat und in dem es um die allgemeine Lage in unserem Land geht, hat mehr als 40 Strophen und damit um ein Vielfaches mehr Reime als alle anderen poetischen Betrachtungen, die mich jemals erreicht haben.. Leider kann ich es hier nicht komplett veröffentlichen, doch erlaube ich auch mir in diesem Fall eine (von mir selbst gezogene) Grenze zu überschreiten und hier die ersten und die letzten drei Strophen zu zitieren.

 

Das Ja-aber-Syndrom

 

oder

 

Die verkannte Beschränktheit der eigenen Meinung

 

Eine Meinung zu haben, ist zu jeder Zeit legal,

sie frei zu äußern immer noch vielerorts fatal.

Eine Selbstverständlichkeit, wie wir sie pflegen,

ist Meinungsfreiheit heutzutage ein Segen.

 

Wer des Volkes Meinung einst diktiert bekam,

legte regelrecht die Bildung seiner eignen lahm;

und mutierte im Lauf der Zeit

zur staatstragenden Willfährigkeit.

 

Die, die anderen unterwürfig Glauben schenken,

schonen das eigenständige Denken,

und hängen so den Mantel in den Wind -

obrigkeitshörig ist bequem und macht blind.

 

(…)

 

Freiheiten sind immer geschützt,

wo, das Wohl der Allgemeinheit nützt,

ohne die Würde des Einzelnen anzutasten,

sich einzuschränken nur zu dessen Lasten.

 

Gesundheit ist unauffällig, tut nicht weh,

ist sozusagen unverletzt per sé.

Nur der Kranke wird sie vermissen

und deshalb, aber erst dann, zu schätzen wissen.

 

So ist das auch mit der Freiheit hierzulande,

die der eine oder andere schon anders kannte.

Verteidigen derselben liegt klar auf der Hand -

aber mit Augenmaß und Menschenverstand

 

Volker K.

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