Meine Beteuerung war eine energische, denn ich fühlte mich persönlich angegriffen, nachdem der Leser in der Leitung mich mit Nachdruck und einen nicht zu überhörenden verärgerten Unterton in der Stimme dies fragte: "Haben Sie etwas gegen Katja Ebstein?" Deshalb hob ich meine Stimme auch etwas an, als ich erwiderte, dass eher das Gegenteil der Fall sei, weil die Sängerin mein Musikverständnis allgemein und im Besonderen bei der Bewertung von Schlagern maßgeblich geprägt hat, nachdem sie 1970 unser Land beim Grand Prix Eurovision de la Chanson vertreten hat und mit "Wunder gibt es immer wieder" einen aus heutiger Sicht tollen dritten Platz belegte und diesen Erfolg ein Jahr später mit "Diese Welt" noch wiederholen konnte. Der eine Grund, warum der Mann mich angerufen hatte: Katja Ebstein ist am Montag 75 Jahre alt geworden, und die "Freie Presse" hat dies mit keiner Zeile gewürdigt. Ein halbe Stunde später habe ich bei einer anderen Unterhaltung mit einer Leserin dann diesen Satz gesagt, während sich in meinem Hinterkopf eine Stimme aufmachte, "Er gehört zu mir" zu singen: "Marianne Rosenberg ist zweifelsohne eine außergewöhnlich Person und eine tolle Sängerin, da stimme ich Ihnen uneingeschränkt zu." Die Frau hatte sich bei mir gemeldet, weil Marianne Rosenberg ist gestern 65 Jahre alt geworden, und in der Zeitung stand keine Zeile dazu. Nun könnte ich, weil ich mit den beiden Anrufern also in der Bewertung und Wertschätzung der Sängerinnen eine Meinung war, die Blogeintrag beenden und es dabei bewenden lassen. Doch den tieferen Sinn, um den es schließlich gehen soll, würde ich für mich behalten, dieser ist es: Meine Kollegen im Ressort Kultur hatten sich entschieden, in der heutigen Ausgabe der "Freien Presse" den 65. Geburtstag von Nina Hagen mit einem langen Portrait unter der Überschrift "Die Lady ist Punk" zu würdigen, und ich hatte gegenüber den beiden Lesern kein einziges Argument, hinter das ich mich stellen und ihnen erklären konnte, warum es Nina Hagen verdient hat, während Katja Ebstein und Marianne Rosenberg leer ausgingen. Bei diesem Zustand ist es auch geblieben, nachdem ich mich bei den Kollegen nach dem Grund für diese Entscheidung erkundigt hatte. Einmal mehr lese ich (in Gedanken) die Überschrift des Einleitungskapitels meiner noch ausstehenden Memoiren: Das Leben ist kein Wunschkonzert.

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