Der Mann in der Leitung war ein wenig aufgeregt, zumindest erweckte er bei mir diesen Eindruck, und machte auch kein Geheimnis aus dem Grund, der ihn dazu veranlasst hatte, mich anzurufen, und weswegen er sich gerade furchtbar ärgerte und nun jemanden brauchte, bei dem er seinen Unmut loswerden konnte. Dass diese Unterhaltung dann am Ende eine Wendung nahm, mit der er auch nicht zufrieden sein konnte, war nicht zu vermeiden, denn der Leser selbst hatte sie eingeleitet. Aber der Reihe nach: "Ich habe von meiner Bank einen Brief bekommen", sagte der Anrufer und erzählte mir ausführlich, dass er dieses Schreiben nun mehrfach gelesen habe und trotzdem nicht versteht, worum es überhaupt geht, weil das Geldinstitut mit Fachausdrücken nur so um sich schmeiße und es einem Laien, der er nun mal bei Geldgeschäften sei, unmöglich mache, trotz einer vorhandenen Allgemeinbildung mit Abitur und Studium nachvollziehen können, woraus nun genau die Änderung bestehe, um die es der Bank gehe, weil sie ihn darüber informieren muss. "Es geht irgendwie um den Umtausch von Fremdwährungen und Referenzkursen", erklärte er mir noch und fügte hinzu, dass er noch nie zuvor überhaupt bei seiner Bank ausländisches Geld ein- oder umgetauscht habe. Dann rückte er auch noch damit heraus, was sie so richtig in Rage gebracht hatte: "Ich habe bei meiner Bank angerufen und gefragt, ob man mir das Schreiben mal erklären könne, doch was ich als Antwort bekommen habe, kann ich jetzt gar nicht wiederholen, weil es so unverschämt war." Dann fragt er mich persönlich: "Was würden Sie denn machen, wenn Sie so einen Brief über vermeintlich geänderte Konditionen bei Ihrem Konto bekommen würden?" Nicht eine Sekunde lang habe ich gezögert, ihm zu antworten: "Ich rufe meine Bankberaterin an." Das fand er gut: "Um sich die Sache erklären zu lassen?", fragte er mich. Dann habe ich doch einen Moment lang überlegt, ob ich ihm die Wahrheit sagen kann, wohl wissend, dass sie ihn irritieren würde, doch ich sprach sie aus: "Nein, ich frage sie, ob jemand mir etwas von meinem Geld wegnehmen möchte oder ob ich für irgendetwas mehr bezahlen muss, und wenn sie mir sagt, dass das nicht der Fall sei, landet der Brief im Altpapier." Bevor aus dem hörbar tiefen Luftholen eine verbale Entrüstung werden konnte, die ich mir ersparen wollte, fügte ich sofort hinzu: "Aber ich werde den für solche Themen zuständigen Fachredakteur darüber informieren und fragen, ob man nicht einmal einen Artikel über solches Fachchinesisch in Schreiben von Banken und darüber, wie man sich dagegen wehren kann, in die Zeitung setzen sollte. Der Mann war dann doch noch zufrieden, ich brauchte keine Schokolade und dachte darüber nach, ob ich auch manchmal in eine Situation gerate, in der ich darüber nachdenke, dass ich mal wieder ein Problem gebrauchen könnte, nur weil ich gerade keins habe und mich in einer Phase der Ausgeglichenheit befinde. Mit diesem Ergebnis: Nein, ein solcher Mensch bin ich nicht.

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