Wieder einmal erreichte mich heute um kurz nach zehn die Erkenntnis eines Lesers, welche Maßnahme seiner Ansicht nach zu allererst ergriffen werden muss, um den globalen Klimawandel zu stoppen, denn der Mann in der Leitung meinte: "Die auf Papier gedruckte Werbung verbieten." Das war wieder so eine Situation, in der ich mich innerhalb weniger Sekunden für eine der beiden Möglichkeiten, darauf zu reagieren, entscheiden musste. Dies wäre die eine gewesen: Ich erkläre dem Anrufer, dass ich Mitarbeiter einer Tageszeitung bin, die einen wesentlichen Teil ihres Erlöses durch die Werbung auf gedruckten Seiten erzielt, und dass meiner Ansicht nach unser auf Wachstum basierendes Wirtschaftssystem vermutlich kollabieren würde, weil dann die erforderliche Nachfrage nach Produkten innerhalb kürzestes Zeit auf ein Minimum sinken würde, was zur Folge hätte, dass auch die Produktion von Waren reduziert werden müsste, was dann unweigerlich zu einem Abbau der Kapazitäten in den Unternehmen und damit auch zum Wegfall von Arbeitsplätzen in Größenordnungen führen würde, das aber mit Sicherheit nicht gut wäre, weil die soziale Schieflage in unserer Gesellschaft eine immer größere würde und ein Anwachsen des Protestes auch auf der Straße nicht auszuschließen sei. Aber ich habe mich dann doch für diese Möglichkeit der Antwort entschieden: "Interessanter Denkansatz, ich werde mal meine Kollegen in der Redaktion darüber informieren." Der Leser war zufrieden, ich auch, aber nicht weil das Gespräch weniger als eine Minute gedauert hatte, sondern weil mir unmittelbar vor diesem Gespräch eine Kollegin geschrieben hatte, dass es doch keine schlechte Idee sei, jetzt schon die Zeit des Weihnachtsfriedens einzuläuten. So sollte es sein.

Dieser Vorsatz war allerdings eine Sache, das Umsetzen dann doch etwas schwieriger, als ich vermutet hatte, denn der nächste Anrufer wollte mit mir über "diese 16-jährige Göre aus Schweden" reden, was ich ihm nicht abschlagen konnte beziehungsweise durfte, wobei er nicht diskutieren, sondern nur seinen Wortschwall absondern wollte und am Ende damit zufrieden zu stellen war, dass ich sagte: "Vielen Dank für Ihren Anruf, ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag." Etwas mehr Anstrengung musste ich aufbringen, um meinen Wunsch nach Frieden nicht aus den Augen zu verlieren, als ein anderer Mann in der Leitung mir vorschlug, weil er meine Kolumne "Flut an Aktivisten" auf der aktuellen Seite "Leserforum" gelesen hatte und nun meiner Bitte um die Nennung von alternativen Begriffen für solche Leute nachkommen wollte, diese Personen unter den Umweltschützern und auf die Straße gehenden Klimarettern doch einfach "Verbrecher" oder "Terroristen" zu nennen. Wirklich froh war ich dann doch, dass die zwei Stunden meiner Sprechstunde sich dem Ende zuneigten und ich mich um den Frieden in mir selbst keine weiteren Gedanken mehr machen musste, als mich eine Anruferin darauf hinwies, dass die Hells Angels keine Motorradgang sei, wie mein Kollege in dem Artikel "Professor jagt Juwelendiebe" geschrieben hatte, sondern dass es sich um eine "Bruderschaft" handele. Gesagt habe ich: "Vielen Dank für den Hinweis." Gedacht habe ich: Amen.

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