Von wegen normal

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Die folgende Kolumne dürfen Sie nicht so ernst nehmen. Ich befinde mich nämlich im eingeschränkten Regelbetrieb. Und mit mir meine ganze Familie. „Eingeschränkter Regelbetrieb“ bedeutet nicht nur, dass sächsische Kinder wieder täglich in die Grundschule und den Kindergarten gehen dürfen, wobei die Gruppen streng voneinander getrennt bleiben müssen. Es bedeutet auch, dass ich mein System wieder auf Normalbetrieb hochfahren muss.

Vor allem morgens fällt es mir schwer, meinen Motor auf die richtige Betriebstemperatur zu bringen. Neun Wochen lang hatte ich früh am Schreibtisch meine Ruhe, jetzt müssen wieder drei Kinder rechtzeitig geweckt, gefüttert und gestriegelt werden. Zum Glück helfen sie brav mit. Nicht etwa, indem sie freundlich "Guten Morgen" sagen und sich selbstständig anziehen. Sondern indem sie den inneren Motor der Eltern antreiben: Wenn ein Kind 30 Minuten vor Schulbeginn immer noch der Meinung ist, dass es wieder ins Bett geht und nicht in die Schule, steigt der Blutdruck ganz von selbst. Nur die Aussicht auf Heimunterricht mit der Mutter als Lehrerin brachte das Mädchen dazu, sich doch noch anzuziehen.

Zwischendurch sind dann noch die kleinen Brüder zu versorgen. Der Kleine ist Frühaufsteher und hat morgens viel Zeit, um Becher und Tassen umzustoßen. Der Mittlere antwortet auf meine Frage, ob er Müsli oder Haferbrei möchte: "Ich lieg noch unter der Decke!" Das bringt mich irgendwie nicht so richtig weiter. Vor ein paar Tagen kam er früh in die Küche und verkündete, er wolle jetzt Topfschlagen spielen. Schließlich war seine Feier zum vierten Geburtstag ausgefallen.

Am Nachmittag erfüllte ich ihm den Wunsch. Er hielt es allerdings für sinnvoller, gleich das Bonbon unter dem Topf hervorzuholen, anstatt es umständlich mit verbundenen Augen zu suchen. Trotz mancher Verzögerungen im Betriebsablauf haben es unsere Kinder bisher erstaunlicherweise immer pünktlich in die Schule und in den Kindergarten geschafft. Die Große steigt neuerdings durchs Fenster ein. So etwas hätte es zu meiner Zeit nicht gegeben! Aber die bodentiefen Fenster machen es möglich, dass die Kinder nicht mit anderen in Kontakt kommen.

Auch der Kleine freut sich nach anfänglichen Tränen über den eingeschränkten Regelbetrieb im Kindergarten. Obwohl er Einschränkungen und Regeln im Allgemeinen für unangebracht hält. Zum Glück wird er endlich wieder von Profis erzogen. Gleiches gilt für das Schulkind, dass dann doch mit seinem Schultag recht zufrieden war. Und mein Motor? Stottert, brummt und pfeift – aber läuft.

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