Vorgeschichten

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Das Leben besteht übrigens auch aus Vorgeschichten. Sie sind die Backgroundsänger auf der Bühne des Lebens, die Hefe des Milchbrötchens, die Maden des Komposthaufens. Die meisten Vorgeschichten werden aber nie erzählt, sonst wären sie keine Vorgeschichten, sondern Geschichten. Das ist ein bisschen wie mit den Kassiererinnen und der Corona-Krise. Kaum stehen die Einkaufstüten im Kofferraum, hat man ihr Gesicht vergessen. Und jetzt im Lockdown: Applaus für Verkäuferinnen. Dass sie tatsächlich den ganzen Tag dieses Kassengepiepse hören müssen.

Weihnachten 2020 ist durch. Bevor ich mich in die Nebensächlichkeiten von 2021 stürze, widme ich diesen Text einer Weihnachtsvorgeschichte. Die Gans, die zwei Tage zuvor noch Grashalme von Uwes Wiese zupfte, lag nun als Braten in unserer Röhre. Das Fett mit dem Bratensatz hatte ich abgegossen und im Topf auf den Herd gestellt. Mein Mann kam aus der Garage marschiert, steckte in seinem Weihnachtsaktionismus und erklärte, in unserer Küche stehe zu viel Mist herum. Er nahm den Topf vom Herd, stellte ihn ins Spülbecken und ließ Wasser ein. „Nein!“, brüllte ich, „Das soll die Soße werden! Wir werden keine Soße haben!“ Er war beleidigt und rief, er könne eine neue Gans besorgen, dazu sei er wirtschaftlich sehr wohl in der Lage. Ich versuchte zu erklären, dass das hier keine Frage des Geldes sei, sondern des Preises.

Es war Heiligabend und schon Mittag. Ich bin ein Küchenidiot und sein Aktionismus würde mich um Stunden zurückwerfen, weil die Soße nämlich nicht in kleinen Flaschen im Gänsemagen blubbert. Wir aßen Mittag, Bratwürste. Ich setzte mich, es ertönte ein Pupsgeräusch. Kind 1 bekam einen Lachanfall. Es hatte ein Furzkissen unter mein Kissen geschoben und freute sich darüber, dass es reibungslos funktioniert. Anschließend machte der Junge die Weihnachtsmusik aus und spielte seinen Hit des Jahres: „Mein Lieblingstier ist die Bratwurst“. Kind 1 hat ein Talent dafür, Stimmungsknoten zu lösen, es sei denn, es ist selbst der Stimmungsknoten.

Dann tropfte Wachs der Adventskerzen auf die Weihnachtsdecke, und das sei jedes Jahr das Gleiche, sagte mein Mann, er sei dagegen, dass wir die Kerzen noch einmal anzünden, ohne einen ordentlichen Untersetzer zu haben. Dann ließ er sich Wasser in die Badewanne, ich diskutierte gegen Kind 1 an, das keine Lust auf Spazierengehen hatte und Weihnachten inzwischen für blöd erklärte. Abends war alles wieder in Ordnung. Das gehört aber nicht zur Vorgeschichte.

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