Wahlfang

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Ein Gespräch mit Kind 1. „Was gibt‘s zum Mittag?“ „Kartoffeln mit Quark.“ „Na toll. Ich ess nichts.“ „Was würdest du denn essen?“ „Keine Ahnung.“ Kind 1 war schon immer Aktivist, zumindest innerhalb der Familie. Mein Sohn befindet sich seit Jahren in der Opposition. Er hält stabil seine fünfundzwanzig Prozent, was in einem Parlament, das aus vier Personen besteht, nicht unbedingt schwer ist. Jedenfalls weiß er stets, was er definitiv blöd findet. Das Essensthema lässt sich beliebig austauschen, der Ablauf des Dialogs bleibt immer gleich. Jetzt sieht er überall Plakate für die Bundestagswahl hängen. Ein Plakat von der Satirepartei zeigt Armin Laschet als Minion, bei anderen hört der Spaß auf. Minions sind die drolligen Zeichentricklinge, die wie gelbe Tic-Tacs aussehen, was soll’s. Kind 1 darf weder bei dieser noch bei der nächsten Bundestagswahl mitmachen, sondern erst bei der übernächsten, was der Junge definitiv blöd findet. Er weiß trotzdem, wen er definitiv niemals wählen würde. Prinzipiell würde er sowieso am liebsten die Eisverkäuferin wählen, bei der er jeden Tag nach der Schule einkehrt. Ihr vertraut er am meisten. Aber sie kandidiert nicht, und für seine Meinung interessiert sich auch niemand wirklich, weil er noch weit unter dem Radar läuft. Nun möchte er wenigstens von mir wissen, wen ich mir ausgesucht habe. Ich antworte und erkläre, dass ich nichts zu verbergen habe. Weil die Deutschen bei der Kanzlerfrage hin- und hereiern, fragt mich mein Sohn jeden Tag aufs Neue: Wen würden Sie wählen, wenn heute Bundestagswahl wäre? Es beschäftigt ihn, und eigentlich stellt er sich diese Frage selbst. Ein Stimmungsbarometer mit hellblauen Augen. Gestern Abend erklärte er, dass er den Laschet nicht schlecht findet. Ich fragte, wie er zu seiner Meinung komme, und er erzählte, dass er auf Toilette gewesen sei und sich auf dem Handy das Apple-Event anschauen wollte, eine Werbesendung für Smartphones. Da erschien sein Werbespot, den er bis zu Ende angeschaut habe. Kind 1 ließ das Filmchen auf seinem Handy ablaufen, und während ich es ansah, studierte der Junge mein Gesicht. Heute kam er mit neuen Informationen nach Hause. Nicht sehr weit von seiner Schule entfernt hatte die FDP einen Stand aufgebaut. Er ging mit zwei Kumpels hin. Die CDU habe neulich dort Wassereis verschenkt, womit die Jungs die FDP konfrontierten. Daraufhin gab man ihnen Desinfektionsmittel und Traubenzucker. Gerade am Wahlomaten im Internet: Kind 1 klickt sich durch und erhält die Empfehlung, die Grauen zu wählen. Manchmal ist man als Mutter sprachlos.

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