Ich konnte gerade noch verhindern, dass Kind 1 sein verstorbenes Meerschweinchen exhumiert.

"Was machst du da?"
"Gucken, ob von Hugo nur noch Knochen da sind."

Der Junge kniete im Garten vorm Grab von Hugo 1 und war dabei, ein Löchlein zu schaufeln. Nachdem ich ihm einen kurzen Vortrag über die Störung der Totenruhe gehalten hatte, die nicht nur der liebe Gott bestraft, sondern in seinem Fall auch die liebe Mutter, legte er die Schaufel weg. Begleitet von dem dramaturgischsten Knurrgeräusch, zu dem Achtjährige in der Lage sind.

Es sind Sommerferien. Bei so viel Vakuum in der Zeit kann man schon mal auf neue Gedanken kommen. Mein Sohn hat beschlossen, die Ferien für Forschungszwecke zu nutzen. Ihm sind Zellen lieber als Zahlen, und man kann so ein Kind ja nicht gegen seinen Willen mit Mathematik vollstopfen, in der wichtigsten Erholungsphase des Jahres. Also lässt sich Kind 1 durch den Garten treiben wie ein Pusteblumenschirmchen im Wind. Er schlich ums Apfelbäumchen, und das sah ein bisschen aus, als hätte er zu lange in der Sonne gestanden. Kopf leicht schräg, Blick in die Krone gerichtet.

"Was machst du da?"
"Da wohnen Raupen und Läuse. Überall!"

Eigentlich ist das kein Apfelbaum, sondern ein Apfelkrüppel. Ein paar dürre Zweige, die aus einem dürren Stamm sprießen. Er weigert sich seit fünf Jahren zu wachsen, als wäre er der Oskar Matzerath der Botanik. Dafür wächst und gedeiht es unter seinem Blätterdach. Der ganze Baum ist in Bewegung, voller Mehrzeller, die sich eingemietet haben. Kind 1 beschloss, für den Rest des Sommers Schmetterlingszüchter zu werden. Die fettesten Raupen stopfte der Junge in seine Becherlupe. Dazu legte er von Läusen befallene Blätter, damit sie Spielkameraden haben. Er stellte die Lupe ins Wohnzimmer, und dort stand sie nun.

"EH AAALTEEER!!!", quiekte Kind 1 eines Tages, die Lupe in den Händen, einen Freudentanz ausführend. In dem Eimerchen aus durchsichtigem Plastik flatterten weiß beflügelte Schmetterlinge im Kreis. Klein, mottenmäßig, weiße Punkte. Ich setzte mich an den Computer.

"Was machst du da?", fragte Kind 1. "Herausfinden, dass du Apfel-Gespinstmotten gezüchtet hast. Leider ganz üble Typen." Da ging er zum Apfelbaum, schnitt die Blätter mit den Raupen ab, stopfte sie in einen Eimer und flutete ihn mit Wasser. "Da hilft nur Biodünger", sagte er. Dann reichte er mir den Eimer.

Weitere Blog-Einträge


Einen Monat für
nur 1€ testen.
Verlässliche Informationen sind jetzt besonders wichtig. Sichern Sie sich hier den vollen Zugriff auf freiepresse.de und alle FP+ Artikel.

JETZT 1€-TESTMONAT STARTEN