In dem Beitrag mit der Überschrift "Der Pionier rattert noch", in dem es um ein Treckertreffen in Auerbach (bei Zwickau) ging, stand dieser Satz: "Er hat im Vorfeld des Treffens seine siebenjährige Enkeltochter Lucy in einem originalgetreuen Pionieroutfit zusammen mit einem der Zwickauer Trecker fotografiert." Für diejenigen, die sich an die DDR erinnern können, weil sie diesen Staat nicht erlebt haben, oder es (aus welchen Gründen auch immer) verdrängt haben: Gemeint sind das Halstuch und die Bluse, mit der sich die Kinder als Mitglieder der Pionierorganisation Ernst Thälmann zu erkennen gaben. Fast 28 Jahre nach der Auflösung dieser Vereinigung im August vor der Wiedervereinigung gibt es offenbar immer noch Menschen, die ein mehr oder weniger großes Problem damit haben, durch solche äußerlichen Darstellungen mit der DDR-Zeit konfrontiert zu werden. Ein Leser meinte nämlich: "Augenzwinkernd möchte ich schon mal anfragen, ab wieviel Prozent beim Landtagswahlergebnis für die AfD berichtet "Freie Presse" wieder über das Tragen alter HJ- oder BDM-Uniformen an den runden Geburtstagen dieser Organisationen? Die werden dann natürlich auch nur so zum Spaß aus dem Schrank geholt. Und irgendein anderer Anlass zum netten Einbetten dieser Diktaturverharmlosung wird sich sicher auch finden lassen."

Zum einen bin ich mir ganz sicher, da ich zu einer Zeit im Westen aufgewachsen bin, in der die Nazizeit nicht einmal 20 Jahre in der Vergangenheit lag: Damals in die sechziger Jahren und wohl bis heute würde niemand auf die Idee kommen, bei einer öffentlichen Freizeitveranstaltung ohne jeglichen historischen oder sogar politischen Hintergrund aus reiner Nostalgie kleine oder auch größere Kinder in das Outfit der Hitlerjugend oder des Bundes Deutscher Mädel zu stecken. Der Aufschrei wäre groß, daran habe ich nicht den geringsten Zweifel. Zum anderen erinnere ich mich noch gut an diese Diskussion vor fünf Jahren, die mehr als 20 Leser veranlasst hatte, mir ihre Meinung dazu zu schicken (elf waren auf der Seite Leserforum veröffentlich worden): Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion hatte nach einem Aufmarsch von Männern in NVA- und Stasi-Uniformen in Berlin ein Verbot von Symbolen der DDR-Staatspartei SED prüfen lassen. Die Uniformierten waren am 9. Mai (zum russischen Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs und Sieges über Hitler-Deutschland) am Sowjetischen Ehrenmal in Berlin-Treptow mit Gewehren und DDR-Flagge aufmarschiert. Vermutlich wegen des Mangels an relevanter Substanz ist die Debatte damals aber bereits nach wenigen Tagen im Sande verlaufen. Die bislang letzte ebenso kontroverse wie gefühlsbelade Diskussion darüber, ob die DDR ein Unrechtsstaat war oder nicht, ist fast vier Jahre her; geführt wurde sie damals in Zusammenhang mit der Landtagswahl in Thüringen. 

Gerade weil ich in den vergangenen 24 Jahren immer wieder bei passenden Gelegenheiten meine Freunde und Bekannte, die in der DDR großgeworden sind, darum gebeten habe, doch mal ein Fotoalbum mit Bildern von damals hervorzuholen, und weil sie alle ausnahmslos dies gern getan und mir die Aufnahmen mit freudigen Gesichtsausdrücken gezeigt haben, möchte ich diesen Blogeintrag damit beenden, dass ich meine eigene These formuliere, dabei aber zuvor betonen möchte, dass ich den Begriff "Ostalgie" eigentlich nicht mag: Das Zeigen der weißen Bluse und des blauen beziehungsweise roten Halstuches als Reminiszenz an die eigene Kindheit verharmlost nicht das Unrecht, dass in der DDR vom Staat und seiner Führung ausgegangen ist. Wer das anders sieht, kann mich gern anrufen; die Gründe interessieren mich nämlich wirklich.

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