Zu Mathelehrerinnen habe ich seit Jahren schon ein besonders entspanntes Verhältnis. Von den zwei Gründen, die dafür verantwortlich sind, darf beziehungsweise möchte ich einen hier nennen, und ich kann ihn sogar an einem aktuellen Beispiel erläutern: Von den mittlerweile neun Pädagogen, die mich in den vergangenen Wochen wegen der grafischen Darstellung der Statistik zum Verlauf der Pandemie angerufen und auf Fehler oder Schwachpunkte hingewiesen haben, waren acht Frauen; woran das liegt, weiß ich allerdings nicht, nur mir ist das positiv aufgefallen, weil die Unterhaltungen eigentlich immer zu einem für beide Seiten entspannten Ende geführt haben. Ich gestehe: Der Grund dafür war immer der, dass ich gesagt habe, von Mathematik eigentlich wenig beziehungsweise gar nichts (außer den Grundrechenarten) zu verstehen, weshalb ich auf eine Diskussion verzichten und ihnen großes Vertrauen bezüglich der Richtigkeit ihrer Hinweise entgegenbringen würde. Heute aber hatte ich ein Erlebnis der besonderen Art mit Zahlen und der Bedeutung ihrer Verhältnisse zu einander. Drei Leser (darunter eine Lehrerin) haben mich angerufen, nachdem sie auf der Titelseite den Artikel "Verkehrsrat für Tempolimit auf Autobahn" gelesen hatten, und mit allen habe ich tatsächlich so lange mich unterhalten, weil sie darauf bestanden haben, bis ich mich ihrer Sichtweise angeschlossen und gesagt habe: "Ich stimme Ihnen zu, Sie haben wohl vermutlich Recht damit." Aber der Reihe nach:

Der erste Satz der Meldung lautete: "Nach langer Diskussion hat sich nun auch der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) für ein generelles Tempolimit auf Autobahnen ausgesprochen." Drei Sätze weiter erfuhren die Leser dies: "Für ein generelles Tempolimit stimmten 10 Mitglieder, dagegen vier, es gab 11 Enthaltungen."

Die erste Anruferin meinte: "Das ist doch absurd, denn wie soll man nachvollziehen können, dass das Gremium zugestimmt hat, wenn die Mehrheit der Mitglieder dem Tempolimit die Ja-Stimme versagt hat."

Der zweite Leser sagte: "Das weiß doch jeder, dass Enthaltungen fast immer, und in diesem Fall erst recht, feige Nein-Stimmen sind."

Die dritte Person in der Leitung war dieser Ansicht: "Für mich ist das ein Grundproblem vieler politischer oder auch gesellschaftlicher Entscheidungsprozesse in unserer heutigen Zeit: Die Mehrheit ist nur eine relative und keine wirkliche, weil es zu viele Beteiligte gibt, die sich nur aus Angst vor einem Bedeutungsverlust oder der Verprellung von Wählern nicht zu einer klaren Haltung entschließen können. Und ich weigere mich, das akzeptieren zu müssen."

Also habe ich dann den drei Lesern zumindest nicht widersprochen, wenn sie (so oder anders formuliert) mir zu verstehen gegeben haben: "Verkehrsrat für Tempolimit auf Autobahn" ist in der Aussage zumindest nicht falsch, angesichts des Zustandekommens der "mehrheitlichen" Entscheidung aber eine, die man kritisieren darf beziehungsweise auch sollte, weil bei der Frage nach der Sicherheit auf unseren Straßen ein gefundener Kompromiss niemals ein von politischen Interessen gesteuerter sein sollte. Oder nicht?

Weitere Blog-Einträge