Wundersame Wandlung

Endlich wieder Schule und Kindergarten! Wir gehören zu jenen Eltern, die ihre Kinder seit Montag wieder „freiwillig“ in die Grundschule und Kita schicken. Schön, dass uns das Kultusministerium die Wahl lässt: Wir können unsere Kinder dem Virus aussetzen. Oder sie zu Hause versauern lassen, während ihre Freunde sich treffen. Das ist ungefähr so, wie wenn ich frage „Gibst du mir das freiwillig oder muss ich es dir wegnehmen?“ Oder, um es mit den Worten meines mittleren Sohnes auszudrücken: „Entweder jetzt!“

Die Kinder freuen sich jedenfalls. Schließlich sind ihre Bildungseinrichtungen auch Zaubereinrichtungen. Wirklich wahr! Man glaubt gar nicht, welch wundersame Wandlung dort mit den Kindern geschieht. Damit meine ich jetzt nicht den Dienstag vergangener Woche, als sie merkwürdigerweise die Gestalt eines Zauberers, eines Feuerwehrmannes und einer Schmetterlingskönigin angenommen hatten. Das waren nur vorübergehende Persönlichkeitsveränderungen.

Ich meine etwas anderes. Zum Beispiel den Moment, als uns die Erzieherin im Elterngespräch sagte, unser Kleiner spreche ja so wenig. Und wenn, dann nur ganz leise. Er sei ja so schüchtern. Wenn ihm ein Kind etwas wegnehme, suche er sich einfach ein neues Spielzeug. Dass er anderen etwas wegnehme, geschweige denn haue oder schubse, komme eigentlich nie vor.

Während sie das sagte, hatte ich das Gefühl, dass meine Ohren noch knallrot sein müssten vom jüngsten Gebrüll unseres kleinen Sohnes. Das begleitet war von einer Auseinandersetzung mit seinem großen Bruder, bei der er durchaus auch körperlich aktiv wurde.

Immer wieder habe ich bei solchen Gesprächen das Gefühl, dass eigentlich andere Kinder gemeint sind, nicht unsere. Die einzige logische Erklärung ist, dass wir in Wirklichkeit sechs haben. Jedes unserer Kinder hat einen heimlichen Zwilling, der einzig dazu da ist, auswärts eine gute Figur zu machen. Vielleicht gibt es aber auch einen Knopf, den nur die Kinder selbst kennen: Sobald sie den Kindergarten verlassen, verlernen sie, sich selbstständig anzuziehen und aufzuräumen.

Vielleicht ist der Grund aber doch ein anderer. Nämlich: Im Kindergarten ist alles besser. Erstens sind dort Profis am Werk, und zweitens sind die Möhren in Quadrate geschnitten. Ob sich auch zu Hause die Rahmenbedingungen verbessern lassen? An Punkt eins, der mangelnden Professionalität, kann ich auf die Schnelle nichts ändern. Aber bei den Möhren habe ich Hoffnung!

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