Ich mag es, wenn die Mode mir entgegenkommt. Nehmen wir die Löcher in den Jeans. Die sind über die Jahre vom Oberschenkel nach unten gerutscht direkt aufs Knie. Der Modefritze von heute, der etwas auf sich hält, schlitzt seine Jeans an den Knien auf, bevor er sie über die Beine stülpt. Genau mein Ding. Ich muss keinen Finger rühren und liege voll im Trend. Nicht nur ich, sondern meine ganze Familie ist modemäßig gerade sehr weit oben unterwegs, was Jeans angeht.

An dieser Stelle zersetzen sich unsere Jeans nämlich von selbst. Der Modebranche ein herzliches Dankeschön für ihre Orientierung an der Basis. Kind 1 und Kind 2 haben immerzu Löcher in den Hosen, und immer an den Knien. Schimpfen wäre pädagogischer Blödsinn, weil ich dasselbe Problem habe und keine glaubhaften Vorträge darüber halten könnte, dass man gefälligst sorgsam mit seinen Hosen umgehen sollte. Ständig defekte Jeans in dieser Familie. Früher musste ich die Hosen entsorgen oder zu einem hoffnungsvollen Start-up bringen, das sich darauf spezialisiert hat, die Löcher zu versiegeln.

Jetzt kann ich den Lochfraß sogar im Büro tragen und Geld für Ersatzbeschaffungen sparen. Mehr läuft bei mir modemäßig gerade nicht. Meine Leidenschaft für Trends schmiert mit jedem Geburtstag weiter ab. Ich bin zwar noch nicht beige, aber in der Grauzone. Habe keine Lust, mir den gleichen Kram zu kaufen wie vor zwanzig Jahren. Mein ästhetisches Gedächtnis hat sich nämlich immer noch nicht von neonfarbenen Hosenträgern erholt.

Im Gegensatz zu mir arbeitet Kind 2 unermüdlich an seinem Stil. Das Mode-Idol eines Zweitklässler-Mädchens liegt irgendwo zwischen neunundneunzig Luftballons, Helene Fischer und Puck, der Stubenfliege. Jedenfalls wird Kind 2 gerade cool. Das Mädchen liebt es, den Saum des Pullis zur Wurst zu rollen und in die Hose zu stopfen. Es mag große Sonnenbrillen, bunte T-Shirts und Kleider, die beim Drehen mit der Luft spielen. Die Nachmittage verbringt es damit, Kleider aus dem Schrank zu ziehen, hineinzusteigen, herauszusteigen und auf dem Boden zu verteilen. Überall liegen Kleider im Kind-2-Zimmer, als hätte sie jemand gesät. Als wäre jetzt die beste Jahreszeit, um Kleider auszusäen. Lägen meine dabei, könnte ich im Sommer mit ernten. Was für ein netter kleiner Gedanke!

Der Frühling blüht, juhu. Eigentlich wollte ich nur sagen, dass ich mich modemäßig ganz schön gehen lasse. Und dass ich nichts, aber auch überhaupt nichts mehr zum Anziehen habe.

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