Man muss nicht in einer Großstadt leben, um im Straßenverkehr Angst um seine Kinder zu haben. Das funktioniert auch in einer Kleinstadt. In der Praxis sieht das so aus: Die Große (5) brettert auf ihrem Tigerbike durch die Fußgängerzone. Ich auf meinem nicht ganz so coolen antiken Herrenrad hinterher, den Kleinen (1) im Kindersitz, und brülle Anweisungen: "Innen fahren! Platz machen! Absteigen wenn’s eng wird!" Schließlich will ich eine Kollision mit einem Fußgänger verhindern. Und dann spaziert eine Gruppe Erwachsener in geschlossener Siebenerreihe vor uns. Das Kind klingelt mehrmals, niemand reagiert. Als es sich dann knapp an den Fußgängern vorbeischiebt, rufen die ihm "Hoppla!" und "Vorsicht" hinterher.

Ich rede mir dann gerne ein, dass sich nur Touristen so verhalten. Tatsächlich besuchen doch recht viele Auswärtige unser schönes Erzgebirge. Kann ich ja verstehen.

Wenn ich nicht hier lebte, würde ich mich auch gerne hier besuchen. Da ich nun aber hier lebe, wünsche ich mir, die Menschen würden zur Abwechslung mal woanders hinreisen. Im Harz gibt’s doch auch schöne Besucherbergwerke (Diesen Satz hat meine Tastatur von ganz allein geschrieben.)

Jedenfalls versuche ich, mein Kind auch auf die schwierigsten Verkehrssituationen vorzubereiten. Mit klaren Regeln. Erstens: Wenn mal wieder ein Geländewagen die unübersichtliche Straßenecke am Kindergarten zuparkt, muss man sich trotzdem langsam vortasten und hoffen, dass es gut geht. (Dem Impuls, mit dem Schlüssel einen Gruß im Lack zu hinterlassen, habe ich nicht nachgegeben. Gehört sich ja nicht.) Zweitens: Wenn man die Hauptstraße an der Ampel überquert, die nur drei Sekunden lang grün ist, kann man nicht gleichzeitig eine Geschichte erzählt bekommen. Drittens: Es ist nicht in Ordnung, wenn ein Lieferwagen außerhalb der vorgesehenen Zeiten durch die Fußgängerzone fährt. Trotzdem ist es nicht sinnvoll, den Fahrer darauf hinzuweisen, indem man ihm vors Auto springt. Auch ich mache im Straßenverkehr Fehler.

Aber seit ich mit Kindern unterwegs bin, ist mir bewusst, wie rücksichtslos wir Erwachsenen uns oft verhalten. Inzwischen erziehe ich nicht nur die Kleinen, sondern auch mich selbst: Neulich stand ich – ohne Kinder – an der Ampel und hörte mich laut fragen: "Links, rechts, links, können wir rüber?" Da wünschte ich mir dann doch, in einer Großstadt zu leben, in der mich niemand kennt.