Abgang mit Getöse

Eines können Holger Zastrow selbst seine Kritiker nicht vorwerfen - einen Mangel an Offenheit. Sachsens langjähriger FDP-Vorsitzender hat aus seiner Abschiedsrede als Landeschef eine Generalabrechnung gemacht. Der mit Abstand populärste FDP-Landespolitiker - der selbst fünf Jahre nach dem Rauswurf aus dem Landtag noch weitaus bekannter als der damalige Linke-Oppositionsführer war - fühlte sich im Wahlkampf von vielen Parteifreunden im Stich gelassen. Sowohl an der flächendeckenden Präsenz als auch an der flächendeckenden Professionalität habe es den Liberalen gefehlt, unter denen es sogar Kandidaten gegeben habe, die mit der Zweitstimmenkampagne nicht einverstanden gewesen seien und die eigenen Plakate deshalb eigenhändig mit einem zweiten Kreuz übersprüht hätten.

Tatsächlich ist ein geschlossenes Erscheinungsbild gerade für kleine Parteien wichtig, die um den Einzug in den Landtag kämpfen. Ob die nun schon seit Jahren anhaltenden parteiinternen Querelen allerdings wirklich dafür verantwortlich sind, dass Sachsens FDP am 1. September knapp 11.000 Stimmen zur Rückkehr in den Landtag fehlten?

Zastrow hat grundsätzlich Recht, wenn er den fehlenden Rückhalt beklagt - und auch damit, dass es "nicht besonders schlau" sei, erst eine Mitgliederbefragung über die Spitzenkandidatur anzusetzen, um den Gewinner dann doch nur mit einem Ergebnis von 62 Prozent auszustatten - und ihn dann zudem noch als Parteichef ohne Gegenkandidat kurz vor der Landtagswahl mit kargen 64 Prozent im Amt zu bestätigen. Nur trägt derjenige, der seit 20 Jahren ununterbrochen an der Spitze dieses Landesverbandes stand, eben auch die Verantwortung dafür, wenn dieser heillos zerstritten ist.

Nach der Wahlschlappe 1999 hatte Zastrow - als 30-Jähriger - die Führung übernommen. Viermal führte er die FDP danach auch als Spitzenkandidat in die Landtagswahl. Zu seiner Bilanz gehört die Rückkehr nach zehnjähriger Abstinenz mit 5,9 Prozent 2004 genauso wie die 10,0 Prozent 2009, die den Liberalen eine fünfjährige Regierungsbeteiligung bescherten. Zur Bilanz zählen freilich genauso die 3,8-Prozent-Niederlage 2014 und das ebenfalls nicht ausreichende 4,5-Prozent-Ergebnis vor zwei Monaten.

Der personelle Neuanfang an der Spitze ist auch deshalb geboten, weil sich Zastrows inhaltliche Ausrichtung immer weniger mit den Vorstellungen seiner Parteifreunde zu decken scheint. Wer selbst bekennt, dass er "mit vielem, was wir als FDP machen, zunehmend fremdele", der scheint weitaus mehr als eine "landespolitische Pause" vorzubereiten.

Zastrow ist nicht der erste sächsische Spitzenpolitiker, der die Rückzugsankündigung in eigener Sache mit massiver Kritik am Zustand der eigenen Partei verbindet . Erinnert sei an die Ex-Grüne Antje Hermenau nach dem Scheitern von Schwarz-Grün 2014 oder an Ex-AfD-Chefin Frauke Petry 2017. Bei aller Unterschiedlichkeit: In beiden Fällen sind die Ex-Parteien heute erfolgreicher als mit ihren vermeintlich unersetzlichen Zugpferden.

Bewertung des Artikels: Ø 3.5 Sterne bei 2 Bewertungen
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...