Armutsrisiko Wohnen

Zum Frühjahrsgutachten der Immobilienwirtschaft

Schon die Neandertaler suchten Schutz in Höhlen - vor Kälte, Regen und vielerlei Gefahren. Für den modernen Menschen ist die Wohnung nicht nur Schutzraum, sondern auch Ort des Rückzuges und der sozialen Integration. Ein Grundbedürfnis eben. Wohnen ist ein soziales Grundrecht, das nur bedingt der Logik des Marktes unterworfen werden darf.

In den attraktiven Metropolen wie Berlin, München oder Frankfurt können sich viele Menschen die Miete nicht mehr leisten, es sei denn Mann und Frau gehören zu den Top-Verdienern. Auch in anderen großen oder beliebten Städten explodierten in den vergangenen rund zehn Jahren die Wohnkosten. Jeder vierte Haushalt muss schon weit mehr als 30 Prozent seines Einkommens für die Miete ausgeben. Hohe Wohnkosten in den Innenstädten treiben immer mehr Mieter und Käufer ins Umland der Städte. Die Folge: Auch dort steigen die Preise.

All das macht den Menschen zu Recht Angst. Es wird auch zunehmend ein Problem für die Wirtschaft: Stellenangebote werden unattraktiv, wenn mehr als die Hälfte oder mehr vom Normalgehalt für die Miete weggeht. Für Geringverdiener und kinderreiche Familien sind die steigenden Wohnkosten ein Armutsrisiko. Wohnen ist zur neuen sozialen Frage des 21. Jahrhunderts geworden. Das Gutachten der "Immobilienweisen" stimmt nicht gerade zuversichtlich. Sie geben der Politik die Schuld. Aus ihrer Sicht wurde der Neubau vernachlässigt, zudem wirkten das neue Baukindergeld oder Sonderabschreibungsmöglichkeiten preistreibend. Auch an der Mietpreisbremse ließen die Experten kein gutes Haar.

Im Osten ist der Wohnungsmarkt noch etwas entspannter, obwohl die Preise in den attraktiven Lagen von Leipzig oder Dresden auch mehr und mehr ansteigen. Doch in Städten wie etwa in Chemnitz oder in Halle gibt es noch genügend bezahlbaren Wohnraum. Ein Grund mehr für junge Menschen, ihr Glück dort zu suchen.

Aber warum sind eigentlich bezahlbare Wohnungen vielerorts so knapp geworden? Ja, es gibt mehr Singlehaushalte und auch die Zuwanderung hat die Konkurrenz auf dem Wohnungsmarkt verschärft. In den letzten Jahren haben Bund, Länder und Kommunen aber vor allem den sozialen Wohnungsbau vernachlässigt. Seit der Jahrtausendwende schrumpfte die Anzahl der Sozialwohnungen um 1,4 Millionen. Noch etwa 1,2 Millionen sind im Bestand. Viel zu wenig.

Die Groko will 1,5 Millionen neue Wohnungen und Eigenheime schaffen. Ob die angekündigte Wohnungsbauoffensive die soziale Versorgungslücke beseitigt, ist fraglich. Warum wird nicht zügig der soziale Wohnraum ausgeweitet und verstetigt? Öffentliche und genossenschaftliche Wohnungsbaugesellschaften müssten dabei eine Schlüsselrolle spielen. Vorbild Wien: Die Stadt besitzt fast 60 Prozent der Wohnungen und fördert daher sehr stark das soziale Wohnen. All das ist dort auch historisch gewachsen. Aber warum sollte Ähnliches nicht auch in Deutschland möglich sein?

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 1 Bewertung
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...