Aus der Geschichte nichts gelernt

Zum Gedenken an den deutschen Überfall auf die Sowjetunion vor 75 Jahren

Lehren aus der Geschichte sind wahrlich ein mühsames Geschäft. Zu schnell verblasst das Leid zu einer abstrakten Größe. Heute vor 75 Jahren überfiel die deutsche Wehrmacht die Sowjetunion, um Lebensraum im Osten zu gewinnen. Es war ein verbrecherischer Vernichtungskrieg, der bis heute ohne Beispiel ist. Als er zu Ende war, lag ganz Europa in Schutt und Asche, die kalte Statistik zählte Abermillionen Tote.

Die Überlebenden hatten ihre Lektion aus dem Krieg gelernt und bauten ein gemeinsames, friedliches Europa auf - zunächst durch den Kalten Krieg getrennt in Ost und West. Die Europäische Union ist aber jetzt in einer ihrer schwersten Krisen. Der EU mangelt es an Akzeptanz ihrer Bürger, in der Flüchtlingskrise hat die Gemeinschaft jämmerlich versagt. Morgen stimmt Großbritannien über einen Austritt aus der Unuion ab. Der größte Feind erwächst der EU aber im Inneren seiner Mitgliedsländer. In fast allen Staaten haben nationalistische Strömungen und Parteien Oberwasser. Weniger Brüssel, mehr Souveränität ist eine billige Formel, aber sie zieht. Dabei entwickeln sich Fliehkräfte, die die Gemeinschaft zerstören könnten.

Ein übersteigerter Nationalismus hat Europa im 20. Jahrhundert in zwei mörderische Kriege gestürzt. Es ist höchste Zeit, daran wieder zu erinnern. Das aber fällt offenbar besonders schwer, wenn es um Russland geht. Statt die historische Chance des 22. Juni zu nutzen, um der Opferrolle Moskaus im Zweiten Weltkrieg Respekt zu zollen und um dieses düstere Kapitel weiter aufzuarbeiten, verzichten Bundestag und Bundesregierung auf offizielle Gedenkveranstaltungen. Die Regierung argumentiert, dass das Gedenken über von ihr geförderte Stiftungen und Organisationen gestaltet wird. So darf man sich nicht aus der Affäre stehlen. Bei allen aktuellen Problemen mit Moskau: Die Regierung handelt nahezu geschichtsvergessen. Der blutige Krieg von 1941 bis 1945 hat bis heute keinen angemessenen Platz im öffentlichen Bewusstsein des wiedervereinigten Deutschlands. Dabei ist das "Unternehmen Barbarossa" weder in Russland noch in den heutigen Staaten Weißrussland, Ukraine und den baltischen Staaten vergessen.

Europa braucht Moskau als Partner, nicht als Gegner. Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) warnt zu Recht vor "Säbelrasseln und Kriegsgeheul" der Nato und fordert mehr Dialog und Kooperation mit Russland. Gleich wird ihm wieder parteitaktisches Kalkül vorgehalten.

Die 28 EU-Mitglieder verlängern lieber die Sanktionen gegen Russland, obwohl sie der europäischen Wirtschaft mindestens genauso schaden wie der russischen. Zwar sind die Vereinbarungen des Minsker Friedensplanes zum Ukrainekonflikt in der Tat bis dato nicht komplett erfüllt, aber die Lage ist kompliziert. Der politische Erfolg steht in keinem Verhältnis zu dem wirtschaftlichen Schaden.

Die Bereitschaft, auf Russland zuzugehen, ist in Europa immer noch nicht allzu tief verankert. Dabei ist doch die Lektion vom 22. Juni 1941 doch gar nicht so schwer zu verstehen.

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2Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 0
    0
    aussaugerges
    11.07.2016

    Europa hat es verdient im atomaren Staub zu verglühen damit die USA lebt.

  • 3
    0
    gelöschter Nutzer
    22.06.2016

    Solange Europa sich politisch nicht von den USA emanzipiert, bleibt eine europäische Partnerschaftspolitik mit Russland nur Wunschdenken. Solange sich Politiker in Europa ihre Politik gegenüber Russland von Natostrategen diktieren lassen, kann selbst bei besten Willen Russland kaum Vertrauen entwickeln. In den letzten 25 Jahren wurde Russland das eine um das andere mal gedemütigt. Hier wurde viel Porzellan zerschlagen. Um so wichtiger ist der von Steinmeier eingeforderte Dialog. Dabei muss Europa Russland als gleichberechtigten Partner akzeptieren. Alles andere führt zu nichts, oder schlimmstenfalls zu neuen Konflikten.
    Die Entspannungspolitik der 70er Jahre, könnte eine Schablone für die Zukunft europäischer Russlandpolitik sein. Der Tag des Kriegsbeginns gegen Russland und die Folgen für Europa sollten Mahnung genug sein.



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