Böses Spiel mit der Erinnerung

Wenn meine Großmutter vom Krieg erzählte, dann war die Zerstörung von Dresden immer präsent. Sie hatte von der Augustusburg aus den nächtlichen Feuersturm in der Ferne als rötlichen Schein sehen können. Sie hörte dann später von Geflüchteten, was passiert war. Die Eindrücke blieben ihr bis ans Lebensende im Gedächtnis. Wer in der jüngeren Generation wissen will, was damals geschah, der sollte Erich Kästner lesen oder die Tagebücher des Romanisten Victor Klemperer. Der Dramatiker Gerhart Hauptmann schrieb: "Wer das Weinen verlernt hat, der lernt es wieder beim Untergang Dresdens." Dieser berühmte Satz prägt die Erinnerung an die schrecklichen Ereignisse im damaligen "Elbflorenz" bis heute.

Noch gibt es Zeitzeugen, die von dem Inferno berichten können. Doch auch sie werden in absehbarer Zeit nicht mehr unter uns weilen. Was wird dann aus der Erinnerung? Wird sie zur ritualisierten Gedenkshow, die sich jedes Jahr wiederholt, aber irgendwann nicht mehr die Jüngeren erreicht?

Dabei sind die Wunden auch 75 Jahre danach nicht verheilt. Zumal der Opfermythos von Rechten wieder verstärkt politisch instrumentalisiert wird. Sie nähren zum Beispiel die Zweifel an den Opferzahlen von damals, obwohl eine Dresdner Historiker-Kommission vor rund 15Jahren anhand der noch verfügbaren Quellen und Schätzungen von 25.000 Toten ausging. Rechte Populisten und Neonazis reden immer wieder von weit höheren Opferzahlen und nehmen somit eine Fälschung der Nazis kurz nach der Bombardierung auf. Nazi-Propagandachef Josef Goebbels setzte die Legende von einer "unschuldig zerstörten Kulturstadt" voller Flüchtlinge in die Welt, um die Bevölkerung im Kampf gegen die Alliierten zu mobilisieren. Zweifel an der wirklichen Anzahl der Toten lassen sich leicht säen. Die AfD nutzt das in ihrem Kampf gegen den "Schuldkult".

Dresden war damals entgegen der Nazi-Propaganda im Februar 1945 durchaus ein strategisch wichtiges Ziel für die Alliierten: Es sollten die Eisenbahn-Infrastruktur zerstört und die laufende Verlegung deutscher Truppen zur Ostfront gegen die Rote Armee gestoppt werden.

Auch andere Städte wurden zerstört: In Hamburg fielen 35.000 Menschen alliierten Bomben zum Opfer. Essen, Köln und viele andere Orte wurden teilweise dem Erdboden gleichgemacht. In keiner dieser Städte aber hält sich dieser Opfermythos so hartnäckig wie in Dresden. Rotterdam, Coventry, Warschau waren zuvor Ziele der deutschen Bomber. Bei Angriffen auf London starben 28.000 Menschen. Noch im März 1945 schlugen V1- und V2-Raketen in der Metropole ein. Kaum ein Brite sieht heute in den Flächen-Bombardements deutscher Städte ein Ruhmesblatt der Geschichte. Zumal tausende britische Bomberpiloten ihr Leben dabei verloren hatten.

Was kann, was soll die Erinnerung erreichen? Sie ist und bleibt wichtig. Vergeltung oder Relativierung der deutschen Schuld darf nicht das Ziel sein. Vielmehr sind Versöhnung und die freundschaftliche Begegnung ehemaliger Feinde die Botschaften. Daraus muss aber eine Haltung entstehen: Die Zivilgesellschaft soll sich erinnern - an Dresden, aber auch an Auschwitz und den Krieg generell. Dem Erinnern sollte ein engagiertes Handeln folgen: für eine offene und freie Gesellschaft - ohne Hass und Krieg.


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