Corona-App muss endlich kommen

Seit Wochen leidet ganz Deutschland unter dem Coronavirus. Doch statt mit einer Tracing-App schnell alle technisch möglichen Register zu ziehen, um die Ausbreitung dieser Geißel einzudämmen, hat die Politik durch Nerd-Gezänk und Überwachungsfantasien nicht nur wertvolle Zeit vergeudet, in der die Bürger Ansteckungen selbst hätten nachverfolgen und so wohl auch Menschenleben hätten retten können. Sie hat auch viel Vertrauen verspielt. Vom Vertrauen hängt aber letztlich der Erfolg einer Handy-App ab, die möglichst viele Menschen freiwillig nutzen sollen. Gerade in Datenfragen haben viele Bürger aber kein Vertrauen mehr - weder in privatwirtschaftliche noch staatliche Akteure. Die Digitalisierung empfinden sie als Kontrollverlust. Dabei hat die Politik durch ihren Zickzack-Kurs in den vergangenen Wochen das Misstrauen gegenüber jenen, die Apps als Lösung zur Eindämmung der Pandemie anbieten, selbst noch weiter geschürt. Es wäre aber fatal, wenn dadurch Tracing-Apps in jedweder Form zum Scheitern verurteilt wären. Denn dass sie ein wichtiger Baustein für eine Rückkehr in ein normaleres Leben in dieser Krisenzeit sein können, ist wohl unstrittig.

Dabei spricht vieles für die nun offenbar vorgesehene dezentrale Speicherung der von der Tracing-App gesammelten Daten. Denn sie kommt im Gegensatz zur vorher favorisierten Lösung ohne die Voraussetzung aus, einer zentralen staatlichen Instanz vertrauen zu müssen, dass sie die Daten exakt so verwendet, wie versprochen - und zwar auch noch nach der Coronakrise. Die vorauseilende Forderung der Gesundheitsämter nach Übermittlung aller gesammelten Daten spricht da Bände. Die dezentrale Lösung bietet zwar ebenfalls keine absolute Daten-Sicherheit. Allerdings kommuniziert bei diesem Ansatz nur die infizierte Person anonymisiert und freiwillig mit dem Server. Dabei ist technisch nachvollziehbar, wohin die Daten gesendet werden. Natürlich funktioniert auch das nicht komplett "anonym". Dass Google und Apple daraus Kapital schlagen könnten, ist jedoch unwahrscheinlich. Die beiden US-Konzerne wissen ohnehin von ihren meisten Dienste-Nutzern, wer wann wo und wie lange gewesen ist.

Grundsätzlich bleiben aber weiterhin offene Fragen: Eine davon ist die Fehlerquote, wenn wie geplant über Bluetooth ermittelt wird, wer wem nahe war. Kann Bluetooth aber wirklich erfassen, ob zwei Menschen direkten Kontakt hatten oder nur Wand an Wand wohnen? Und was ist mit den besonders Gefährdeten? Bluetooth wird Experten zufolge weltweit von rund zwei Milliarden Geräten nicht unterstützt. Viele Menschen - und darunter vor allem ärmere und ältere - haben nur ein einfaches Handy oder gar kein Mobiltelefon. Das zeigt: Auch eine Tracing-App ist kein Allheilmittel. Es wäre aber fahrlässig, sie überhaupt nicht einzusetzen. Ohne die Bürger wird aber selbst die sicherste und effizienteste App nichts nützen. Wer sie benutzt, schützt seine Liebsten - und die Allgemeinheit. Das gehört zu einem verantwortungsvollen und eigenverantwortlichen Umgang mit Covid-19. Selbst Zweiflern sollte klar sein: Diese App beraubt uns bei dezentraler Datenspeicherung nicht unserer Freiheit, sondern gibt sie uns ein Stück weit zurück.


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2Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 10
    1
    Freigeist14
    27.04.2020

    2418@ Der Herr Becker hat ja noch ein "wohl " eingefügt . Ganz so sicher ist er sich wohl vielleicht unter Umständen eventuell doch nicht .

  • 11
    5
    241814
    27.04.2020

    " Denn dass sie ein wichtiger Baustein für eine Rückkehr in ein normaleres Leben in dieser Krisenzeit sein können, ist wohl unstrittig."

    Genau das ist es nicht !