Das Dilemma der Demokraten

Zur Kandidatur von Joe Biden für die US-Präsidentschaft

Der Spott kam aus dem Weißen Haus. "Willkommen im Rennen, Schläfriger Joe!", twitterte Donald Trump: "Ich hoffe, Du hast die lange bezweifelte Intelligenz, einen erfolgreichen Vorwahlkampf zu führen." Das sollte wohl souverän wirken und klang doch nervös: Mit Ex-Vizepräsident Joe Biden ist Trumps Angstgegner in den Wettkampf um das amerikanische Präsidentenamt eingestiegen.

Anderthalb Jahre dauert es noch bis zur Entscheidung am 3. November 2020. Doch die erste Phase des Wahlkampfs hat mit dem Antritt des heimlichen Favoriten der Demokraten nun begonnen. Bis zu ihrem Parteitag im Juli des nächsten Jahres wird die Partei erbittert um ihren Spitzenkandidaten streiten. Danach fordert der Sieger den Präsidenten heraus. Mit 20 Frauen und Männern ist das Bewerberfeld so groß wie nie. Es treten Farbige und Weiße, Linke und Gemäßigte, Senatoren und Quereinsteiger an. Der älteste, Senator Bernie Sanders, ist 77 Jahre alt. Der 40 Jahre jüngere Pete Buttigieg wäre der jüngste und erste offen schwule Präsident der amerikanischen Geschichte. Dass Trumps nationalpopulistische Politik Widerstand von allen Seiten mobilisiert, macht Mut. Es stellt die Demokraten aber vor ein Dilemma. Weder über ihren Kurs noch über die Strategie sind sie sich einig: Während sich Sanders stolz als "demokratischen Sozialisten" bezeichnet, buhlt "Middle-Class-Joe" Biden mit moderaten Tönen um die Mittelschicht.

Es stehen sich "Revolutionäre" und "Restauratoren" gegenüber. Die einen wollen die Gesundheitsvorsorge oder die Wirtschaftspolitik radikal verändern, den anderen geht es um die Wiederherstellung der demokratischen Normalität. So bewarb sich Biden mit einem Videoclip des Neonazi-Aufmarschs von Charlottesville von 2017. "Alles, was Amerika zu Amerika gemacht hat, steht auf dem Spiel", lautete seine knappe Botschaft.

Das Problem der Demokraten: In der ersten und der zweiten Phase des Wahlkampfes gelten andere Regeln. Bei der innerparteilichen Kandidatenkür müssen die Anwärter die nach links gerückte Basis hinter sich bringen und viele Kleinspenden mobilisieren. Dazu braucht man emotionale Themen wie Sanders' Umverteilung oder den von der Senatorin Elizabeth Warren versprochenen Erlass der Studienschulden.

Die Wahl aber wird nicht an den Unis entschieden, sondern im Rostgürtel von Michigan, Ohio, Pennsylvania und Wisconsin. Den Wählern dort geht es um Jobs und soziale Absicherung. Ein pragmatischer Politiker wie Biden mit seinem hemdsärmeligen Charme, der anderswo aus der Zeit gefallen zu sein scheint, könnte hier genau der richtige Kandidat sein.

Die Opposition muss den Spagat schaffen zwischen der Mobilisierung ihrer Kernklientel und der Sicherung der Wählbarkeit in strukturkonservativen Milieus. Jedem Kandidaten, dem das Kunststück misslingt, droht das Schicksal von Hillary Clinton.

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