Das lange Warten auf den Facharzt

Die Suche nach einem Facharzt in Sachsen ähnelt häufig einem Geduldsspiel. Erst vor zwei Wochen wurde eine aktuelle Studie veröffentlicht, deren Ergebnisse erschrecken: Am prekärsten ist die Situation bei Augenärzten. Jede zweite Praxis nimmt keine neuen Patienten auf. Bei Neurologen sind es 40 Prozent, bei Hautärzten 24 Prozent. Und selbst bei Hausärzten, egal ob auf dem Land oder in der Stadt, finden neue Patienten mitunter keine Aufnahme mehr.

Dass hier nach Wegen und Instrumenten gesucht wird, diesen Missstand zu beheben, ist überfällig. Groß ist die Hoffnung der Patienten, dass das dann in der Praxis auch funktioniert. Leider ist Skepsis angebracht. Nehmen wir das Beispiel der Praxisstunden. Kassenärzte müssen künftig 25 statt 20 Stunden in der Woche für gesetzlich Versicherte da sein - in der Praxis oder bei Hausbesuchen. Auch zusätzliche offene Sprechstunden ohne feste Termine soll es bei einigen Fachdisziplinen geben. Das unterstellt, dass Haus- oder Fachärzte - sagen wir es mal vornehm - nicht gerade ausgelastet sind. Und es nährt die Hoffnung, dass in mehr Praxiszeit mehr Patienten versorgt werden könnten. Doch ist das realistisch? Eher nein.

Während der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherungen behauptet, dass jeder vierte Vertragsarzt weniger als 25 Stunden Sprechzeit pro Woche anbietet, reagiert die Kassenärztliche Bundesvereinigung empört und bemüht Zahlen des Zentralinstituts für die Kassenärztliche Versorgung. Demnach öffnet nur eine von zehn Einzelpraxen weniger als 25 Stunden in der Woche. Und glaubt man dem Präsidenten der Sächsischen Landesärztekammer, Erik Bodendieck, dann bringen zusätzliche Termine gerade für ostdeutsche niedergelassene Ärzte gar nichts. Sie würden bereits am Limit arbeiten. Man fragt sich, wie sollen da zusätzliche Sprechzeiten entstehen?

Die Kritik aus der Ärzteschaft an dem Terminservice- und Versorgungsgesetz ist laut und deutlich. Das war zu erwarten, verstehen viele Ärzte - und noch mehr deren Verbände - die Regelungen doch als einen nicht hinzunehmenden Eingriff in ihre Selbstverwaltung und die Praxisorganisation. Allerdings muss die Frage erlaubt sein, wie gut die Selbstverwaltung denn funktioniert, wenn die Probleme mit extremen Wartezeiten, Ärztemangel auf dem Land und dadurch übervollen Notaufnahmen in den Krankenhäuser gefühlt immer größer statt kleiner werden?

Wie so oft bei gesundheitspolitischen Themen und anstehenden Veränderungen, tobt ein Streit zwischen den Interessenverbänden. Allein schon die Vehemenz des Gegeneinanders mehrt beim Bürger die Zweifel, ob überhaupt im Gesundheitssektor große Reformen umsetzbar sind. Notwendig sind sie ohne Ende. Denn so löblich der jetzige Steuerungsversuch der Fachpolitiker ist - er löst das grundsätzlichere Problem nicht: Das liegt - und mittlerweile nicht mehr nur im Osten - in dem verbreiteten Ärztemangel. Dagegen haben Politik wie Selbstverwaltung bisher trotz zahlreicher Versuche kein wirksames Rezept gefunden.

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