Der Terror in der Nachbarschaft

Über Tage observieren Ermittler einen mutmaßlichen Bombenbauer - Beim geplanten Zugriff kann der Tatverdächtige knapp entkommen - Der Gesuchte soll Kontakte zur Terrormiliz Islamischer Staat haben

Spätestens seit dem Sprengstoffanschlag im mittelfränkischen Ansbach, bei dem ein islamistischer Attentäter mit einer Rucksackbombe 15 Menschen verletzte, wissen wir, dass der islamistische Terror mitten in unserer Gesellschaft angekommen ist. Seit diesem Wochenende gibt es diese Gewissheit auch für Chemnitz.

Die Tat des 27-jährigen Syrers in Ansbach, der Verbindung zur Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hatte, blieb nicht ohne Wirkung. Da der Attentäter es wahrscheinlich auf ein Musikfestival abgesehen hatte, werden öffentliche Großveranstaltungen seitdem viel aufwendiger gesichert. Die Organisatoren von Stadtfesten und anderen Open-Air-Veranstaltungen fordern die Besucher schon im Vorfeld auf, keine Rucksäcke mitzubringen und wachsam zu sein. Der Feierlaune in Deutschland hat das bisher nicht allzu sehr geschadet. So ließ sich beim Tag der Sachsen in Limbach-Oberfrohna wohl niemand das Feiern aus Angst vor einem Terroranschlag verderben. Beim Tag der Einheit in Dresden kamen zwar etwas weniger Besucher als erwartet, doch diejenigen, die zu den Festveranstaltungen kamen, erlebten ganz überwiegend ein friedliches Zusammensein.

Doch an diesem Samstag folgte der nächste Schock in Sachen islamistischer Terror. Die Polizei will mitten in einem ruhigen Chemnitzer Wohngebiet einen Terrorverdächtigen festnehmen, aber der Zugriff misslingt. Zwar finden die Beamten in einer Wohnung gefährlichen Sprengstoff und können ihn auch entschärfen, doch der Hauptverdächtige entkommt. Die Polizeiaktion macht klar: Terroristen leben in unserer unmittelbaren Nachbarschaft. Niemanden kann man verdenken, wenn er dabei ein mulmiges Gefühl hat. Ein solcher Vorfall sät Angst und Misstrauen. Niemand will schließlich mit einem islamistischen Bombenbauer Tür an Tür wohnen.

Es kommt hinzu, dass es der Polizei nicht gelungen ist, des mutmaßlichen Bombenbastlers sofort habhaft zu werden, obwohl der Verfassungsschutz dem Syrer offensichtlich schon länger auf den Fersen war. Gab es hier Defizite bei der Kommunikation zwischen den Behörden oder war die Polizeitaktik nicht zielführend genug? Oder lag es tatsächlich an gebotener Vorsicht? Diese Panne muss dringend untersucht und aufgeklärt werden. Solche Pleiten stärken nicht gerade das Vertrauen in den Sicherheitsapparat. Debatten zur Verstärkung der inneren Sicherheit durch mehr Polizei sind müßig, wenn im Ernstfall die Einsätze scheitern. Wenn die Bürger darauf vertrauen sollen, dass sie vom deutschen Staat ausreichend vor Kriminalität und Terror geschützt sind, darf so eine Fehlleistung nicht noch einmal passieren.

Mit solchen Vorfällen wie dem Bombenbastler von Chemnitz wächst die Gefahr, dass der islamistische Terror zu einer Chiffre für Fremdenfeindlichkeit und Ablehnung von Flüchtlingen ganz allgemein wird. Es wird genügend politische Scharfmacher geben, die künftig jeden Migranten als ein potenzielles Terrorrisiko ansehen und damit fremdenfeindlichen Übergriffen rhetorisch den Weg bereiten. Dabei leben auch im Chemnitzer Fritz-Heckert-Wohngebiet viele Flüchtlinge seit Jahren mit ihren deutschen Mitbewohnern in friedlicher Nachbarschaft. Diese Normalität wird durch die kriminelle und terroristische Energie Einzelner in Frage gestellt. Doch die Terrorangst darf nicht dazu führen, dass humane Grundsätze wie ein friedliches Zusammenleben und gegenseitige Mitmenschlichkeit in den Keller gesperrt werden. Sonst hat der islamistische Bombenbastler gewonnen, ohne dass er sein terroristisches Werk vollenden konnte.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...