Der Wald ist noch nicht verloren

Zum ausgerufenen Klimanotstand des Waldes

Dem Wald geht es schlecht. In der Waldzustandserhebung 2018 für die Bundesrepublik stellen die Autoren fest: Der Kronenzustand hat sich gegenüber dem Vorjahr bei allen Baumarten verschlechtert. Die Dürre ließ mancherorts die Blätter vorzeitig abfallen. Bei der Fichte begünstigte sie die massenhafte Vermehrung von Borkenkäfern. "Das volle Ausmaß der Dürreschäden wird aber voraussichtlich erst in der Vegetationsperiode 2019 sichtbar werden", heißt es in dem im März veröffentlichten Bericht. Inzwischen liegen Zahlen auf dem Tisch. Sich im Zuge der Trockenheit rasant ausbreitende Schädlinge, Stürme und Brände haben im vorigen und in diesem Jahr bundesweit rund 110.000 Hektar Wald zerstört. Eine Menge Holz. Sachsen vermeldete Ende 2018 den schlimmsten Borkenkäferbefall seit 1947. "Wir erleben die verheerendsten Waldschäden in Sachsen seit der Wiedervereinigung", resümierte zu dem Zeitpunkt Umweltminister Thomas Schmidt (CDU).

Seitdem hat sich die Situation im Freistaat eher noch verschärft. Und auch aus anderen Regionen sind Hilferufe zu hören. In der "Moritzburger Erklärung", die auf dem Waldgipfel der Forstminister aus den unionsregierten Bundesländern in Moritzburg verabschiedet wurde, ist von einer "katastrophalen Situation nationalen Ausmaßes" die Rede. Der Bund Deutscher Forstleute rief den Klimanotstand für den Wald aus, der Bund für Umwelt und Naturschutz warnte gar vor einem "Waldsterben 2.0". Was für eine Dramatik! Aber ist das nicht ein wenig zu dick aufgetragen?

Im bundeseigenen Thünen-Institut für Waldökosysteme will man weder von Waldsterben noch vom Klimanotstand reden. Lediglich von einem regional unterschiedlichen Baumsterben, das verschiedene Ursachen hat. Nur weil ein Laubbaum schlecht aussieht, bedeutet es nicht, dass er sich nicht wieder erholt. Nur dauert das drei, vier Jahre. Soll heißen: Zwei Extremjahre bedeuten noch nicht den Untergang des Waldes. Schaut man in Waldzustandsberichte vorangegangener Jahre, dann sah es vor 2018 nicht so schlecht aus. Es dürfte also auch darauf ankommen, welchen Extremwetterlagen die Wälder in den nächsten Jahren ausgesetzt sein werden.

Nichtsdestotrotz muss die Politik handeln. Der Masterplan, den die Minister in Moritzburg forderten, enthält richtige Punkte. Natürlich ist es wichtig, die Waldbesitzer bei Wiederaufforstung und Waldumbau zu unterstützen. Allein schaffen sie es nicht. Die Holzpreise sind im Keller. Die Unterstützung brauchen sie auch, wenn man in Zukunft klimaresistentere Mischwälder und Baumarten haben möchte. Die Fichte mag wirtschaftlich interessant sein, aber sie ist nicht für jeden Standort geeignet. Das Risiko, sie aus ökonomischen Erwägungen dennoch zu pflanzen, darf man nicht mehr eingehen. Umweltschutz muss jetzt Vorrang haben. Die 800 Millionen Euro, die in Moritzburg für die nächsten vier Jahre gefordert wurden, werden gebraucht. Auf lange Sicht wird aber deutlich mehr Geld nötig sein.

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