Deutschland ist noch nicht fertig damit

Am Montag vor einem Jahr wurde in Chemnitz Daniel H. ermordet. Die darauffolgenden Krawalle haben Deutschland erschüttert. Mehrere Veranstaltungen nehmen am Wochenende darauf Bezug.

Chemnitz hat wieder Konjunktur. Die Anzahl der Kamerateams steigt in der Stadt. Erst das Urteil im Prozess um den Tod von Daniel H. Dann der Jahrestag der Tat und der darauffolgenden Ausschreitungen. Die Aufmerksamkeit kehrt zurück an den Ort, der für Entsetzen sorgte, für Kopfschütteln, für Angst. So ist es immer. Die Medienroutine folgt einem natürlichen Rhythmus. Wie war das noch mal - damals, vor einem Jahr? Was ist daraus geworden?

Soweit, wie gesagt, ist alles wie immer. Und doch ist diesmal etwas anders. Chemnitz ist die ganzen zwölf Monate über präsent geblieben. In ganz Deutschland. In langen Gesprächen und kurzen Begegnungen. In der Politik, im Beruf und ganz privat. Und das liegt nicht nur daran, dass ein bestenfalls himmelblauäugiger Fußballverein keine Gelegenheit ausließ, die Welt daran zu erinnern, dass die Stadt ein Problem mit Rechtsextremisten hat.

Die Gewalt und der Hass, die am 26. August 2018 offen zu Tage traten, die große Menge und deren Mobilisierung sind Deutschland unter die Haut gegangen. Ein Land, das die größten Probleme der Flüchtlingskrise gerade einigermaßen im Griff zu haben glaubte, musste erkennen, dass seine Ordnung noch längst nicht die gewohnte Stabilität zurückgewonnen hat. Und dass es Kräfte gibt, die ein Potenzial mobilisieren können, das den Staat ernsthaft herausfordert.

Chemnitz war ein entscheidender, vielleicht der letzte Anstoß, um in den alten Ländern so manchem die Augen zu öffnen: Hier geht es längst nicht mehr nur um den Osten. Das geht alle an, weil es das Leben im ganzen Land verändern kann. Das lag an dem, was in Chemnitz passierte. Der Tat, den Krawallen, dem Umgang mancher Medien damit, den anhaltenden Protesten und dem späten Besuch der Kanzlerin. Aber es lag wesentlich auch an dem, was Chemnitz vorausgegangen war. Pegida, die Kölner Silvesternacht, der Aufstieg der schon totgeglaubten AfD. Spätestens die Bundestagswahl 2017 hatte die Kritik an den bestehenden politischen Verhältnissen manifestiert, am System. Eine Kritik, die die Medien mit einschließt und längst nicht bei der Flüchtlingspolitik halt macht. Eine Kritik, die im Osten besonders stark, aber nicht darauf beschränkt ist.

Durch Zufall erschien kurz nach den Chemnitzer Ereignissen Petra Köppings Streitschrift "Integriert doch erst mal uns". Sachsens Integrationsministerin blickte zur Erklärung dieser Systemkritik mehr als zwei Jahrzehnte zurück und verwies auf Fehler und Versäumnisse in der Nachwendezeit. Nicht, dass darüber noch nie gesprochen worden wäre. Aber lange war es eine sich wiederholende Debatte hauptsächlich unter Ossis geblieben. Nun, im Kontext neuer politischer Machtverhältnisse und die Bilder aus Chemnitz vor Augen, hinterließ das Thema in ganz Deutschland Spuren.

Das ist das Besondere: Die Chemnitzer Ereignisse wirken noch heute nach. In der Politik, in den Medien, in der Bevölkerung. Deutschland ist damit noch nicht fertig. Und die Stadt selbst ebenfalls nicht.

Bewertung des Artikels: Ø 4.6 Sterne bei 5 Bewertungen
7Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 3
    2
    MuellerF
    28.08.2019

    @Interessierte: Um Ihre Frage an mich zu beantworten: dann wäre es immer noch Sachbeschädigung! Pro Chemnitz betont doch immer, sie würden für Recht & Ordnung eintreten...aber es müsste wohl eher "auf" statt "für" heißen!

  • 3
    3
    Interessierte
    27.08.2019

    Der Herr Kleditzsch hatte ja` mal in "artour" für unser Chemnitz gesprochen und dass es nun so langsam reicht - mit der Hetze über Chemnitz …..

  • 3
    2
    Interessierte
    27.08.2019

    Es ist schon schwierig , wenn einmal ein böses Wort geäußert wurde , da wieder ´raus zu kommen …
    Und wenn ich nun das Plakat abgerissen hätte , weil es mir nicht gefällt , was wäre denn dann passiert , ich gehöre nicht zu PC und auch nicht zur AfD - Herr Müller ?

  • 3
    7
    MuellerF
    27.08.2019

    @d0m1ng023: Sie wissen vielleicht, dass am "Nischel" eine Zeit lang ein Plakat mit der Aufschrift "Chemnitz ist weder grau noch braun" angebracht war. Entfernt wurde es von Teilnehmern einer ProChemnitz-Demo. Da fragt man sich doch, warum. Wollten die etwa damit aussagen, dass Chemnitz doch grau & braun sei?

  • 4
    7
    MuellerF
    27.08.2019

    @d0m1ng023: Die Problematik des Rechtsextremismus wurde in Chemnitz wie auch allgemein in Sachsen seit der Wende geleugnet oder kleingeredet, sie war jedoch immer da. In jüngster Zeit war sie dann nicht mehr zu übersehen & wegzuleugnen- was verlangen Sie also? Das man das Thema weiter totschweigt?
    Die Medien haben niemals behauptet, dass Chemnitz nur aus Nazis & Rassisten besteht, und sie verschweigen auch nicht, dass andere Städte & Regionen das gleiche Problem haben!

  • 16
    5
    d0m1ng023
    25.08.2019

    Wir sind halt das Sinnbild einer verfehlten Aufbau-Ost Politik. Laut den Medien ist Rechtsradikalismus ja kein deutschlandweites Problem, sondern nur in Sachsen, wo in Chemnitz der Ursprung allen Übels ist... Vor einem Jahr wurde diese Stadt den Wölfen (Presse, Politik...) zum Fraß vorgeworfen. Die politischen Fehlentscheidungen der letzten Jahre und Jahrzehnte wurde auf einmal nur noch mit dieser Stadt in Verbindung gebracht. Die aufgestaute Wut aller Deutschen, v.a. Ostdeutschen hat von den Medien ein Gesicht bekommen. Chemnitz wurde die Wurzel allen übels.

    Dabei wird übersehen, dass das ein gesamtdeutsches Problem ist. Es wurde schön die Schuld auf Chemnitz geschoben, damit die anderen sich von aller Schuld befreien konnten.

    Meiner Meinung wurde Chemnitz von der Politik vor genau einem Jahr fallengelassen, wie eine Opfergabe. Und die Medien sind auf diesen Zug aufgesprungen.

  • 21
    4
    Urlaub2020
    25.08.2019

    Und wer hat Chemnitz ins schlechte Licht gestellt,die ach so guten Medien.Die ja nur neutral Berichten......Siehe Beitrag von Fokus da wird schon wieder vom Mob geschrieben.Danke Medien.



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