Die Bahn hat sich verfahren

Über die vielen Baustellen des Verkehrskonzerns

Als jahrelanger Chefcontroller hat Bahnchef Richard Lutz längst gemerkt, dass sich die Bahn gründlich verfahren hat. Bevor er die Missstände in seinem im September 2018 viel beachteten Brandbrief an die Vorstände des Konzerns geschrieben hatte, wusste er, dass es längst nicht mehr läuft: 160 Millionen Euro vom Konzernergebnisziel entfernt, 70 Prozent aller Züge kommen mit Verspätung an, bei den Reparaturen werden derzeit nur die gröbsten Probleme behoben. In der Praxis sieht das dann so aus, dass der Fernzug zwar die Werkstatt verlässt, die Bordküche aber auch danach nicht selten kalt bleibt.

Lutz hat sich mit dem Brief zur Flucht nach vorn entschieden und dazu, Chaos und Missmanagement offen anzusprechen. Das ist ein riskanter Schritt. Denn er verhandelt mit der Bundesregierung über mehr Geld für die Instandhaltung der maroden Infrastruktur sowie wichtige Zukunftsprojekte, darunter die digitale Steuerung des Zugverkehrs, die viele Milliarden verschlingen wird. Warum sollte Finanzminister Olaf Scholz dem Bahnchef entgegenkommen, wenn der seinen Konzern nicht im Griff hat?

Der aktuelle Zustand ärgert die Kunden, die der Bahn viel mehr zutrauen: Denn die Pendlerströme haben seit Jahren zugenommen, das, was sich im Umsatz niederschlagen könnte, bleibt auf der Strecke, wenn Kunden der Bahn aus Enttäuschung den Rücken kehren. Ja, sie ist Opfer ihres eigenen Erfolgs geworden und muss sich gegen eine immer flexiblere und stärkere Konkurrenz erwehren - beispielsweise von Flixbus. Dafür den seit zwei Jahren im Amt agierenden, langjährigen Finanzfachmann im Konzern, Vorstand Richard Lutz, die alleinige Schuld zu geben - so wie es der Bund jetzt gern machen möchte - ist jedoch falsch. Der Bund hat es bei der Bahn laufenlassen, hat zugesehen, wie sich die Schulden des Konzerns auf mittlerweile 20 Milliarden Euro auftürmen. Und er hat Steuern kassiert - geholfen hat er bisher nicht. Allein beim umstrittenen Prestigeprojekt Stuttgart 21 soll die Bahn auf fünf Milliarden Euro Schulden sitzenbleiben. Dieses Bild gehört zur Wahrheit dazu, wenn man die Ursachen für die Probleme sucht. Dabei hat es jedoch auch an vollmundigen Versprechen seitens der Bahn nie gemangelt: W-Lan in allen ICE-Zügen ist schon allein durch die Datenbegrenzung für die kostenfreie Nutzung bis heute ein Stückwerk geblieben. Der ehrgeizige "Deutschlandtakt", der verlässliche Abfahrtszeiten garantieren soll, klingt zwar gut, doch wurde er mit seinem angestrebten Zielkorridor in das Jahr 2030 so weit nach hinten verschoben, dass dieses Ziel unrealistisch erscheint. Überhaupt: Wie soll es gelingen, die nötigen 20.000 Mitarbeiter in kurzer Zeit zu finden?

Wenn die Irrfahrt beendet werden soll, dann ist die Zeit reif, Ziele klar zu definieren, Investitionen auf Netz und Technik zu konzentrieren und eitle Prestigeblasen platzen zu lassen. Wenn dazu der Verkauf der Tochter Arriva gehört, die als Dienstleister in 14 europäischen Ländern agiert, dann muss das schnell entschieden werden.

Der Bund hat es laufenlassen, hat zugesehen, wie sich die Schulden des Konzerns auf 20 Milliarden auftürmen.

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