Die Latte für die EM liegt sehr hoch

Die Fußball-Europameisterschaft 2024 findet in Deutschland statt

Der Favorit hat gewonnen: Nach dem "Sommermärchen" 2006 wird die Europameisterschaft in sechs Jahren das nächste Fußball-Großereignis in Deutschland sein. Die Fans dürfen sich ab sofort auf die EM-Spiele freuen. Obwohl die Bewerbung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) deutlich besser abgeschnitten hatte als die des türkischen Verbands, blieb es bis zuletzt spannend. Auf hoher See und beim Exekutivkomitee der Uefa ist man in Gottes Hand. Das weiß jeder.

Bei der Türkei war vor allem die Lage der Menschenrechte problematisch. Die Uefa hatte die türkische Bewerbung aber trotzdem zur Wahl zugelassen. Eine große Rolle dürfte das daher nicht gespielt haben. Die Frage, wie viel Moral der Sport verträgt, stellen sich hohe Funktionäre in der Regel eher selten - wie vergangene Vergaben von sportlichen Großereignissen gezeigt haben. Die Uefa hat sich gestern vielmehr für die sichere Variante Deutschland entschieden. Ihr geht es ums Geld - und nur ums Geld. Sie begreift den Fußball als riesige Unterhaltungsindustrie mit riesigen Gewinnspannen. Uefa-Präsident Aleksander Čeferin bezeichnete die Einnahmemöglichkeiten jüngst noch als "absolut entscheidend".

Trotz der Angebote und Garantien: Die Türkei steckt derzeit in einer schweren Wirtschaftskrise. Die Lira hat im Vergleich zum Dollar seit Jahresbeginn fast die Hälfte an Wert verloren. Die Inflation ist so hoch wie seit 2003 nicht mehr. Mehrere Fußballklubs stehen kurz vor dem Bankrott. Diese unsichere Zukunft dürfte einige der Uefa-Herren am meisten abgeschreckt haben. Die Entscheidung ist schade für die vielen türkischen Fußballfans, für das Erdogan-Regime ist sie eine schallende Ohrfeige. Das ist gut so.

Deutschland hat bei der WM 2006 gezeigt, wie toll es so ein Großereignis organisieren kann. Mit dem "Sommermärchen" wurde die Latte allerdings auch sehr hoch gehängt. Die Euro wird wohl nicht die Strahlkraft wie die WM vor zwölf Jahren haben. Damals zeigte sich Deutschland tolerant und weltoffen. Die politische und gesellschaftliche Entwicklung aber läuft gerade in die andere Richtung.

Der erfreuliche Zuschlag für die Euro darf zudem die notwendige Strukturdebatte beim DFB nicht ins Abseits drängen. Es gibt da genug zu tun. Unter der Woche protestierten zum Beispiel zahlreiche Fans in den Stadien gegen die wachsende Kluft zwischen Anhängern, Vereinen und Verbänden sowie die zunehmende Kommerzialisierung im Fußball.

Und die längst nicht ausgestandene Affäre um Bestechung bei der Vergabe der WM 2006? Für die Uefa offenbar längst abgehakt. In jüngster Zeit hat das Image des deutschen Fußballs auch durch das frühe WM-Aus 2018 und den Fall Özil gelitten. Der schwierigen Integrationsdebatte im Land hat gerader DFB-Boss Reinhard Grindel mit seinem Schlingerkurs bei Özil einen Bärendienst erwiesen. Und auch sonst zeigte er sich auf internationalem Sportparkett eher als ungeschickter Poltergeist. Der DFB hat die Euro 2024 trotz Grindel bekommen, nicht wegen Grindel.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...