Die verunsicherte Autobranche

Jahrzehntelang hatte die Kungelei der Automobilindustrie mit der deutschen und europäischen Politik reibungslos funktioniert. Der wichtigsten Industriebranche Europas wurden keine Steine in den Weg gelegt. Gab es Bestrebungen, neue Grenzwerte und Vorschriften einzuführen, drohte die Branche unisono mit dem Verlust von tausenden Arbeitsplätzen. Kein Politiker wollte den Buhmann spielen. Die Lobby der Automobilindustrie schien unantastbar.

Das hat sich dramatisch geändert. Seit dem Dieselbetrug im Volkswagenkonzern ist die Automobilindustrie nicht mehr sakrosankt. Der Glaube an die technische Überlegenheit der deutschen Autohersteller ist dahin. Die Folge davon: Im Dezember 2018 einigten sich die EU-Staaten und das Europaparlament endgültig darauf, dass der Kohlendioxidausstoß von Neuwagen bis 2025 um 15 Prozent und bis 2030 um 37,5 Prozent im Vergleich zu 2021 sinken soll. Das bedeutet, dass der durchschnittliche Flottenverbrauch ab 2021 auf 95 Gramm CO pro Kilometer, ab 2025 auf 80,75 Gramm CO/km und ab 2030 sogar auf 59,4 Gramm sinken muss. Ansonsten drohen hohe Strafzahlungen, die jeweils nach den verkauften Fahrzeugen berechnet werden.

Dieser Beschluss traf vor allem die deutsche Automobilindustrie, deren Modellpalette viel stärker von großen und PS-starken Fahrzeugen bestimmt wird, als zum Beispiel bei der Konkurrenz in Frankreich und Italien. Die deutsche Autolobby hat das nicht mehr verhindern können. Stattdessen müssen die Autohersteller jetzt Milliarden Euro investieren, um die Vorgaben der EU einzuhalten.

Volkswagen hat deshalb seine groß angelegte Elektroinitiative gestartet. Der VW-Konzern will das Elektroauto von der Nische in die Mitte der Gesellschaft bringen und für jeden erreichbar machen, verkündete Konzernchef Herbert Diess auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt. Eine Entscheidung, die mit enormen Risiken behaftet ist, weil niemand genau weiß, wie die Kunden reagieren. Werden sie den etwas höheren Anschaffungspreis akzeptieren? Sind die Ladezeiten praktisch genug? Wollen die Kunden überhaupt mit Strom hantieren? Und hat nicht ausgerechnet Deutschland einen besonders hohen Strompreis? Es gibt viele Unwägbarkeiten, die das Elektroauto ausbremsen könnten. Besonders wichtig wäre es deshalb jetzt, neue Anreize für einen schnellen und unbürokratischen Aufbau der Ladeinfrastruktur zu sorgen.

Der Umbruch der Branche muss bei einer bröckelnden Autokonjunktur bewältigt werden, das macht den Neustart nicht einfacher. Hinzu kommt die lautstarke Kritik von Klimaschützern und sogenannten Umwelthelfern, die dem Auto am liebsten komplett den Garaus machen wollen. Dabei hat die Autoindustrie zu einem großen Teil für den heutigen Wohlstand in Deutschland gesorgt. Auch der Wiederaufbau der Industrie in Sachsen wäre ohne die Autoindustrie gar nicht denkbar.

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