Dieser Bischof war nicht zu halten

Landeskirche entlässt Carsten Rentzing zum Monatsende aus dem Amt

Es war ein völlig offener Prozess. Selbst Mitglieder der Kirchenleitung wussten am Montagmittag noch nicht, was sie bei der Beratung am Nachmittag erwarten würde. Am Ende hat das Gremium die einzig richtige Entscheidung getroffen: Carsten Rentzing wird Ende Oktober aus dem Amt des Landesbischofs entlassen. Dies geschieht auf dessen eigenen ausdrücklichen Wunsch. Und damit, das müssen selbst Anhänger einräumen, ist eine andere Lösung schlicht undenkbar. Dieser Landesbischof war nicht zu halten.

Nicht die Mitgliedschaft in der schlagenden Studentenverbindung oder der Auftritt bei der Bibliothek des Konservatismus waren es, die Rentzing letztlich das Amt kosteten. Es waren seine Schriften, aus denen eine so tiefe Verachtung für die freiheitliche Demokratie spricht. Die sind - das hatte das Landeskirchenamt schon völlig zu Recht festgestellt - untragbar. Auch wenn sie 30 Jahre alt sind.

Vergebung gehört zum Selbstverständnis der Kirche. Im Evangelium wird der Neuanfang proklamiert - es ist der Markenkern der christlichen Religion. Vergebung aber setzt Reue voraus, aufrichtige Reue. Und hier gibt es eben Menschen, auch Pfarrer wie Christian Wolff in Leipzig, die Rentzing diese aufrichtige Reue, diesen Wandel vom Saulus zum Paulus, nicht abnehmen.

Der Leipziger Pfarrer schrieb, der Apostel Paulus habe nie etwas verschwiegen von seiner fundamentalistischen, gewalttätigen Vergangenheit, sondern er habe sich mit dieser Vergangenheit immer wieder selbstkritisch auseinandergesetzt - ohne mit Dokumenten konfrontiert zu werden. Das alles treffe auf Rentzing nicht zu. Er habe seine Vergangenheit verleugnet, bis es nicht mehr ging. Wenn dieser Eindruck entsteht, dann fehlt dem Oberhaupt der evangelischen Christen in Sachsen der notwendige Rückhalt - trotz aller Solidaritätsbekundungen aus dem Erzgebirge und Vogtland.

Die Causa Rentzing zeigt: Die evangelische Kirche in Sachsen ist tief gespalten - so tief wie die Bevölkerung in diesem Land insgesamt. Es gibt ein Ringen zwischen liberalen Pfarrern, die kein Problem damit haben, homosexuelle Paare zu segnen, und konservativen, besonders bibeltreuen Christen, die auf Anti-Abtreibungs-Demonstrationen gehen. Dabei stehen sich urbane Regionen, wie Leipzig und Dresden, und ländliche Räume gegenüber.

Der Kirche steht ein schwieriger, aber notwendiger Prozess bevor: Sie muss sich gesellschaftlich eindeutig und unmissverständlich positionieren. Wo fängt für sie Rechtsextremismus und Demokratiefeindlichkeit an? Es gibt Christen, die wünschen sich, Kirche möge sich völlig raushalten aus der Politik. Aber damit entfernt sich Kirche vom Alltag der Menschen. Und sie wird ihrem Anspruch als moralische Instanz nicht mehr gerecht. In Zeiten wie diesen gilt: Frömmigkeit allein genügt nicht mehr.

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2Kommentare
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  • 6
    5
    Distelblüte
    22.10.2019

    Gut kommentiert. Genauso isses.

  • 9
    3
    1371270
    21.10.2019

    Danke für den offenen Kommentar! Die Spalter merken gar nicht mehr, dass sie die Spalter sind.
    Wenn Kirche Politik machen soll, hat sie ihre Aufgabe verfehlt. Aber die vielen Austritte sprechen ja eine klare Sprache.



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