Ein Datum mit Symbolkraft

Über das Gedenken am 9. November

Der 9. November ist der Schicksalstag für die Deutschen schlechthin. Mit wundervollen und zugleich schrecklichen Erinnerungen. An diesem Tag wurde in Berlin 1918 die erste deutsche Republik ausgerufen, in Sachsen übrigens einen Tag später. Trotz allem Wenn und Aber: Es war die Geburtsstunde der deutschen Demokratie. Eine Zäsur, auf die die Deutschen bis heute verschämt zurückblicken. Dieser Revolution wird nicht der Rang eingeräumt, der ihr gebührt. Warum? Weil man sie immer von ihrem Ende, der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten 1933 her denkt. Dabei wurden damals das Wahlrecht für Frauen eingeführt, die erste republikanische Verfassung sowie die Fundamente eines modernen Sozialstaats geschaffen. Die Akteure der Novemberrevolution waren mutig, sehr mutig sogar. Doch im kollektiven Gedächtnis haften geblieben sind die Feinde der Demokratie. Leider.

Zu den wundervollsten Erinnerungen gehört natürlich die friedliche Revolution 1989 in der DDR. Am 9. November fiel die Berliner Mauer, betongewordenes Symbol der Teilung und der Unfreiheit. Darauf und auf die Aufbauleistungen danach können alle Deutschen bis heute stolz sein.

Das Datum steht aber nicht nur für historische Sternstunden, sondern auch die Schattenseiten der jüngeren deutschen Geschichte. 1938 begann in jener Nacht mit der sogenannten Reichskristallnacht in Deutschland der Holocaust an den europäischen Juden. Bei den Pogromen um den 9. November herum schauten viele Deutsche nicht nur zu. Sie machten willfährig mit.

Die Novemberpogrome vor 80 Jahren zeigten, wie dünn das Eis ist, auf dem die bürgerliche Wohlanständigkeit wandelt. 1923 hatten Adolf Hitler und Kumpanen in München just an jenem Tag einen Putsch gegen die junge Republik gewagt. Dilettantisch wie der Aufstand war, wurde er schon im Keim erstickt. Er brachte Hitler Festungshaft in Landsberg ein. Nach nicht mal einem Jahr war er wieder draußen - und berühmter denn je in einschlägigen Kreisen.

Über die ganze Ambivalenz des 9. November wurde schon heftig diskutiert, als man 1989/90 einen Nationalfeiertag für die deutsche Einheit suchte. Man verzagte an dem Versuch, den Tag aus dem Halbdunkel der deutschen Geschichte ins volle Licht zu stellen. Die demokratische Zäsur 1918 und der Fall der Mauer hätten das Dunkle überstrahlt und doch alle Deutschen auch an den Zivilisationsbruch im deutschen Namen erinnert. Stattdessen wählte man den nichtssagenden 3. Oktober zum "Tag der Einheit". Ein Fehler.

Und heute? Es gibt sie wieder, die Geschichtsklitterer, die vergessen wollen und Geschehenes dreist uminterpretieren. Menschen werden wieder ausgegrenzt wegen ihrer Religion oder ihrer Herkunft.

Ja, man hört das Knacken des Eises wieder deutlicher. Die Verbrechen mögen mit der Zeit in der Erinnerung verblassen, aber unsere Verantwortung kennt in der Tat keinen Schlussstrich. Der 9. November erinnert uns Deutsche daran wie kein anderer Tag - jedes Jahr aufs Neue.

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