Ein Missbrauch der Wehrpflicht

Zur Debatte um die Wehr- und Dienstpflicht

Von Torsten Kleditzsch

Wenn es keine äußere Bedrohung der Sicherheit gibt, ist die Verstaatlichung eines Jahres Lebenszeit nicht zu rechtfertigen." Ein guter Satz des FDP-Chefs. Eigentlich hat Christian Lindner damit alles zur aktuellen Debatte über Wehr- und allgemeine Dienstpflicht gesagt, was unbedingt gesagt werden muss.

Die Wehrpflicht ist das eine, eine allgemeine Dienstpflicht etwas ganz anderes. Vermischt wird das Thema nur, weil man eigentlich mehr Personal im Sozialbereich braucht, dafür die Menschen aber nicht einfach verpflichten kann. Ein solcher Dienst ist nämlich keine Marginalie, sondern ein gewaltiger Einschnitt in die Freiheit des Einzelnen. Und die hält das Grundgesetz bekanntlich hoch. Allein die Landesverteidigung erlaubt es, unbescholtenen Menschen die Freiheit zu nehmen, im Rahmen der Gesetze das zu tun, was sie wollen. Weil das so ist, wird immer wieder die Wehrpflicht bemüht, obwohl man eigentlich nur auf diejenigen aus ist, die aus Not oder Überzeugung lieber im zivilen Leben ihren Dienst ableisten.

Wenn sich in der Mitte Europas die Sicherheitslage so verschlechtert, dass man in Deutschland ernsthaft wieder über eine Verteidigung des eigenen Territoriums nachdenken muss, dann ist es Zeit für eine Wehrpflichtdebatte. Dann sollte und muss man wahrscheinlich dazu zurückkehren. Derzeit darf man hoffen, dass es dazu nicht kommt.

Alle anderen Gründe taugen nicht. Wer Personal in der Pflege, Kinderbetreuung und sonst irgendwo vermisst, der muss auf anderem Wege dafür sorgen, dass es dort auftaucht. Das ist leichter geschrieben als getan, aber dennoch nicht unmöglich. Vier Vorschläge:

1. Mehr Geld. Eine bessere Bezahlung von all jenen, die sich in einer alternden Gesellschaft um die kümmern, die allein nicht mehr oder noch nicht zurechtkommen, würde die Berufe attraktiver machen, ihnen zusätzlich Anerkennung verleihen. Der Staat könnte das über Steuereinnahmen oder Sozialbeiträge finanzieren. Was bleibt, ist das Problem, dass es generell zu wenige Menschen im erwerbsfähigen Alter in Deutschland gibt. Macht man die einen Jobs attraktiver, ziehen andere Branchen nach oder es reißt dort ein neues Loch auf.

2. Gezielte Zuwanderung. Die hat weniger mit Flüchtlingen zu tun, mehr mit Rosinenpickerei. Auch hier hätte der Staat alle Möglichkeiten dazu. Viele westliche Länder machen es vor. Notwendig: ein Zuwanderungsgesetz. Der Nachteil: Es geht zu Lasten der Staaten, die diese Menschen ausgebildet haben. Prinzip: Den Letzten beißen die Hunde.

3. Längere Lebensarbeitszeit - heißt spätere Rente. Unbeliebt, aber nicht unmöglich.

4. Das freiwillige Engagement stärken. Oft ist mehr gewonnen, wenn ausreichend viele eine gewisse Pflicht gepaart mit ehrlichem Interesse spüren, als wenn man alle verdonnert. Deshalb sollte die Debatte über Wehr- oder allgemeine Dienstpflicht schnell die Kurve dahin kriegen, was Staat, Arbeitgeber und wir alle dazu beitragen können, dass ein Jahr Freiwilligendienst in jeglicher Hinsicht stärker honoriert wird als heute. Nicht nur, aber besonders für junge Leute. Den Christdemokraten sei empfohlen: Traut der Jugend etwas zu, anstatt sie zum Dienst zu verpflichten.

Zum Beitrag

0Kommentare Kommentar schreiben