Eine Stärkung des Elternwillens

Die bisherigen Bildungsempfehlungen in Sachsen waren rechtswidrig

Ein zehnjähriges Mädchen darf das Gymnasium besuchen, obwohl ihr Lehrer an der Grundschule abgeraten hat. Durch die Anwesenheit des Kindes sei die "Funktionsfähigkeit des Gymnasialunterrichts" nicht gefährdet, urteilte das Dresdner Verwaltungsgericht. Das Notenbild des Mädchens lasse nicht erkennen, dass es für den Besuch des Gymnasiums und das Erreichen des Abiturs "ungeeignet" sei. Bildungsempfehlung hin oder her.

Dass ein Richter diesen Fall so entschieden hat, zieht Kreise im sächsischen Schulsystem. Denn die Eltern griffen mit ihrer Klage die gängige Schulpraxis an. Bisher war die "Bildungsempfehlung" des Lehrers ausschlaggebend dafür, ob ein Kind nach der vierten Klasse die Möglichkeit erhält, das Gymnasium zu besuchen. "Lehrerempfehlung", wie es in anderen Bundesländern heißt, wäre dafür eigentlich der treffendere Begriff. Genau genommen handelte es sich in Sachsen bisher auch nicht um eine "Empfehlung". Empfehlungen kann man folgen oder nicht. Die "Bildungsempfehlung" hatte, wenn sie zu Ungunsten des Gymnasiums ausfiel, verbindlichen Charakter.

Um Grundschülerinnen und Grundschülern das Gymnasium vorzuenthalten, reichte es schon, wenn die addierten Noten in Mathematik, Deutsch und Sachunterricht, geteilt durch drei, einen Wert von 2,3 ergaben. Von wegen "gut": Für Sachsens Gymnasien nicht gut genug. Ist das sinnvoll? Man kann es bestreiten. Eine Durchschnittsnote ist für das kindliche Potenzial doch nur ein sehr grober Anhaltspunkt. Pädagogische Studien säen überdies Zweifel, ob wichtige Kompetenzen überhaupt davon erfasst werden.

Kritik an der Objektivität von Bildungsempfehlungen kommt auch von Soziologen. Die haben in deutschlandweiten Untersuchungen (Iglu-Studien) herausgefunden, dass Kinder ärmerer Eltern im Durchschnitt weniger häufig eine Gymnasialempfehlung erhalten. Bei gleicher Leistung, wohlbemerkt.

Die Eltern des Mädchens, die geklagt haben, waren nicht damit einverstanden, dass die Ansicht des Lehrers von so durchschlagendem Gewicht für den Bildungsweg ihres Kindes sein sollte. Bildung ist eine partnerschaftliche Aufgabe, die von Elternhaus und Schule geleistet wird. Natürlich kommt den Eltern ein Mitspracherecht bei wichtigen Entscheidungen zu. Das Verwaltungsgericht gab also den Eltern recht, gestützt vom Oberverwaltungsgericht, das deutlich machte, dass Sachsens Politik in dieser Frage ganz schnell nachsitzen muss.

Das ist nun geschehen. Auf dem Tisch liegt ein Vorschlag der Regierungskoalition von CDU und SPD, der die Rechte der Eltern stärkt und die Gesetzeslage klärt, wie angemahnt. Den Eltern wird die "Letztentscheidung" zugebilligt, auch wenn gewisse Hürden - eine Beratungspflicht zum Beispiel - vorgeschaltet sind. Es ist ein Schritt in die richtige Richtung.

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