Erdogans Parallelwelten

Ankara mahnt Türken in Deutschland zur "Vorsicht"

Die Türkei hat eine Reisewarnung für Deutschland herausgegeben. Auch den hier lebenden türkischstämmigen Mitbürgern wird darin zur Vorsicht vor "ausländerfeindlichen Aggressionen" geraten. Das mag man wie Kanzleramtschef Peter Altmaier (CDU) als "schlechten Witz" abtun. Man kann das auch als bloße Retourkutsche auf die Verschärfung der Reisehinweise des Auswärtigen Amtes für deutsche Türkeireisende verstehen. Das ist es aber nicht. Denn im Kern geht es um nicht weniger als den erneuten Versuch des türkischen Staatspräsidenten, einen Keil in die Bevölkerungsgruppe der Deutsch-Türken zu treiben.

Recep Tayyip Erdogan spricht mit seiner Reisewarnung vor allem diejenigen an, die sich als Opfer sehen. Er scheut sich nicht, ihnen Wahlempfehlungen zu geben. Sich selbst bietet er als Heilsbringer an, der eine neue große türkische Volksgemeinschaft schmiedet. Abschottung statt Integration lautet seine Losung. Und leider fallen nur allzu viele Deutsch-Türken darauf herein.

Dass Erdogans Propaganda so gut verfängt, zeigt: Ein nicht unbedeutender Teil der türkischstämmigen Mitbürger in Deutschland lebt auch in der zweiten oder dritten Generation noch immer in einer Parallelwelt. In der formen die nahezu gleichgeschalteten türkischen Medien das Meinungsbild. Zugleich ist es aber in der Tat so, dass sich bundesweit die Anzahl der Übergriffe auf Muslime in diesem Jahr erhöht hat. Auch dass sich mit dem Erstarken der Pegida und der AfD rechtsradikale und rassistische Rhetorik öffentlich breitgemacht hat, ist nicht von der Hand zu weisen. Das alles spielt Erdogan in die Hände, das alles stärkt sein Feindbild Deutschland, das er aus innenpolitischen Gründen braucht.

Dennoch ist und war es richtig, dass Vize-Kanzler Sigmar Gabriel (SPD) nach all den Provokationen aus Ankara kürzlich erstmals klare Worte gefunden hat. Beschwichtigung hilft nicht. Dass Ankara nun auch noch Deutsche als politische Geiseln zu sammelt, um türkische Staatsbürger, die in Deutschland um Asyl gebeten haben, herauszupressen, ist verabscheuungswürdig. Einen derart dreckigen Deal darf und wird es mit Deutschland nicht geben. Die Verschärfung der deutschen Warnhinweise für die Türkei, die sich ja vor allem an Journalisten und offiziell Reisende richten, kann da nur der Anfang sein. Denn Ankara versteht offenbar nur eine Sprache - die des Geldes. Berlin muss deshalb jetzt auch die Hermesbürgschaften für Investitionen in der Türkei, Waffenlieferungen und Fördergelder an Ankara stoppen. Zunächst sollte sich jeder Deutsche aber einmal selbst fragen, ob er wirklich noch in einem Land Urlaub machen will, in dem er vom Präsidenten ständig beleidigt wird und in dem niemand vor willkürlicher Inhaftierung ohne Verfahren und ohne Anklage sicher ist. Es hilft aber auch nicht, die Türkei jetzt total zu isolieren, wie der Fall Nordkorea beweist. Wichtig ist deshalb: Sachlich bleiben - und der Türkei stets noch einen Weg offenhalten, wie sie zum rationalen Dialog unter Verbündeten zurückkehren kann. Dazu gehört, die Gespräche der Ausweitung der Zollunion zwischen der EU und der Türkei sollten ausgesetzt, aber die Verhandlungen nicht für beendet erklärt werden. Denn vergessen werden darf auch nicht: Millionen Türken denken nicht wie Erdogan.

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