Es fehlt an Kraft, nicht an Personal

Am Dienstag vergangener Woche saß Sigmar Gabriel in einem Chemnitzer Kultursaal und sprach über Politik. Die SPD würgte am Wahlergebnis. Gabriel aber, der manch einem in der Partei noch als Weiser vom Berge gilt, sprach in Chemnitz von Venedig und der Seidenstraße. Er hätte seine dürstenden Genossen vor Ort wohl vollends auf dem Trockenen sitzen lassen, hätte nicht einer - der erste - in der kurzen Fragerunde nach der SPD gefragt. Gabriel, vage, lustlos, zitierte die "Internationale": "Es rettet uns kein höh'res Wesen ..." Wenig später eilte er zum Zug.

Am Sonntag hat die Parteichefin ihren Rücktritt angekündigt. Sofort wurde von Beobachtern ein altes Interview (1995) mit Andrea Nahles aus den Archiven gefischt. Frage: "Wie stellen Sie sich die SPD in zehn Jahren vor?" Nahles' Antwort: Entweder werde es der Partei "wieder sehr gut gehen, oder wir haben Schwierigkeiten, überhaupt noch unser derzeitiges Level zu halten". Was zu beweisen war.

Als jenes Interview erschien, war Nahles gerade Chefin der Jusos geworden, der SPD-Nachwuchsorganisation. Damals hieß der Parteichef Rudolf Scharping. Er trat später wegen Fotos im Swimmingpool zurück. Seitdem haben Kommentatoren eigentlich kaum mehr aufgehört, die SPD zu bedauern: Erst die Duellanten Schröder und Lafontaine. Dann Gastspiel Platzeck und Intermezzo Beck. Einwechslung Müntefering, zweimal, dann Steinmeier, einmal. Gabriel hielt acht Jahre an der Parteispitze durch. Rekord, riefen da viele. Willy Brandt hat den Karren 23 Jahre gezogen! - Dann Sternschnuppe Schulz, dann Nahles. Die erste Frau an der Spitze der ältesten deutschen Partei gewesen zu sein, wenigstens das kann ihr, ein Jahr später, keiner mehr nehmen.

Warum diese Qualen? Über die vermuteten Ursachen wurde so viel geredet und geschrieben, dass jeder von außen Gefahr läuft, dem Ekel des Überdrusses zu verfallen. Waren es die Schröder-Jahre mit der Agenda 2010, der marktfixierte Zeitgeist, die Privatisierung vieler Staatsaufgaben, die der Partei ihr Klientel genommen hat? Oder ging es viel früher los, in den 1970er- und 1980er-Jahren, als die Sozialdemokratie sich von den Gewerkschaften zum ersten Mal entfremdete? Hat die SPD ihr Profil zu sehr abgeschliffen, sich zu sehr angepasst? Die innerparteiliche Pluralität vernachlässigt, die Volkspartei dadurch geschrumpft? Und wenn - hat es die Parteibasis nicht auch zugelassen?

Zum Start der jüngsten Großen Koalition legte Peer Steinbrück ein Buch vor, "Das Elend der Sozialdemokratie". Darin beklagte er, dass es seiner Partei an "faszinierenden Botschaften" fehle, die "eine Eigendynamik hätten entfalten können". Um Europa, individuelle Freiheit und gesellschaftlichen Zusammenhalt im digitalen Kapitalismus solle es gehen. Irgendwie um das Land also, und nicht, wie so oft, um die SPD. Steinbrück war auch einmal Kanzlerkandidat. Er verlor, und das Buch, das ein Journalist über Steinbrücks vergebliches Bemühen geschrieben hat, hieß dann: "Der Zirkus".

"Zukunftsvorstellung", so definierte es der Schriftsteller Peter Handke einmal, sei es, wenn "die Kräfte sich regen". Regen sich nicht bald Kräfte in der SPD, werden neue Gesichter ihr auch nicht helfen.

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2Kommentare
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  • 6
    1
    Freigeist14
    03.06.2019

    Aber Herr Schilder , wer wird denn in der Chronologie des Niederganges den Wahlerfolg von über 40 % bei der Bundestagswahl 1998 unterschlagen ? Mit dem Abtritt Lafontaine konnte der marktfixierte Zeitgeist zur Entfaltung kommen und die Finanzwirtschaft durfte sich - entgegen dem Parteiprogramm der SPD - endlich entfesseln . Dieser Zeitgeist hält bis heute an , sonst würde man nicht die Diskussion über Vergesellschaftung in die Nähe von DDR und Unfreiheit rücken . Ohne radikalen Bruch mit dieser verfehlten Politik keine Zukunft für die ehemals sozialdemokratische SPD .

  • 5
    4
    Mike1969
    03.06.2019

    Sorry, aber die SPD braucht keiner mehr. Die zerstören am Ende nur noch die Gesellschaft. Harz 4 und alles gegen Familie. In meiner Familie gab es mal so viele SPD-Wähler. Aber was man über die Gesetze meiner Familie antut, kann man solche Leute nicht mehr wählen! NIE WIEDER! Auch nicht unsere Kinder! Dafür werde ich sorgen!



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