Es geht ums Prestige, nicht um Sport

Bilder sind eine Macht. Sie können Eindrücke vermitteln, Emotionen transportieren, Einfluss nehmen auf die öffentliche Wahrnehmung. Darauf hatte Katar als Ausrichter der Leichtathletik-WM gehofft - auf tolle Bilder. Sie sollten der Welt beweisen, dass das kleine Emirat am Persischen Golf, welches die umliegenden Länder derzeit als angebliche Keimzelle des Terrorismus boykottieren, trotzdem Großes leisten, sprich, sportliche Großveranstaltungen stemmen kann.

Das kann es. Handballer, Radsportler, Kunstturner kämpften hier bereits um WM-Medaillen - alle Meisterschaften waren hervorragend organisiert, gingen in hochmodernen Sportstätten über die Bühne. Kaum ein deutscher Athlet monierte die Temperaturen im klimatisierten Khalifa-Stadion. Dass das aus ökologischer Sicht äußerst fragwürdig ist, steht auf einem anderen Blatt. Und Marathon oder 50 Kilometer Gehen bei Hitzegraden und extrem hoher Luftfeuchtigkeit muss definitiv nicht sein. Der Zeitplan hätte eine Verlegung locker hergegeben.

Dass die erneute Charmeoffensive der Scheichs nach hinten losging, lag aber nur bedingt an den gruseligen Bildern von total erschöpften Marathon-Frauen. Auch bei früheren Weltmeisterschaften, etwa 1997 in Athen oder 2011 im südkoreanischen Daegu, stellte die Hitze ein viel diskutiertes Thema dar. Wirklich ärgerlich waren jedoch die Bilder von einem halb leeren Stadion, in dem null Stimmung herrschte. An den letzten drei WM-Tagen wurde es zwar besser. Wohl auch, weil die allgemeine Kritik den Veranstalter zu Gegenmaßnahmen veranlasste. So wurden Tickets ans Militär und Schulen verteilt.

Doch der erste Eindruck - und der ist bekanntlich oftmals entscheidend - war deprimierend. Nie zuvor war eine Leichtathletik-WM so schlecht besucht. Der Ausrichter machte zwar die schwierige politische Lage im Nahen Osten dafür mitverantwortlich, doch der Grund für das mangelnde Zuschauerinteresse ist viel simpler: Mit dem sportlichen Wettstreit im Laufen, Springen und Werfen können die Wüstensöhne nichts anfangen. Die Leichtathletik ist ihnen fremd.

Genau das ist das Dilemma des Weltverbandes IAAF. Das Bestreben, Großevents rund um den Globus auszutragen, geht in Ordnung. Europa, wo 2017 in London ein regelrechtes Fest bei der WM gefeiert wurde, hat kein Geburtsrecht darauf. Doch wenn die Entscheidung über den Austragungsort nur zwischen Daumen und Zeigefinger getroffen wird - so hat es Kugelstoßerin Christina Schwanitz treffend formuliert -, dann gleicht das einem Ausverkauf der Leichtathletik und anderer Sportarten - der Meistbietende gewinnt. Die Fußball-WM findet 2022 nicht umsonst in Doha statt - der Meistbietende gewann.

Die Leichtathletik-WM in Katar war organisatorisch und von den sportlichen Leistungen her keine schlechte. Sie hätte nur gar nicht erst dorthin vergeben werden dürfen, weil es für das Land nur ums Prestige geht, nicht um Sport.

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