Fauler Kompromiss

Russlands Sportler dürfen unter neutraler Flagge bei Olympia 2018 starten

Russische Wintersportler dürfen bei Olympia 2018 in Pyeongchang starten - aber nur unter neutraler Flagge. So haben es die Herren der Ringe vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) entschieden. Kritik wird es so oder so an diesem Beschluss geben. Jene, die für eine Kollektivstrafe als abschreckendes Beispiel eintraten, werden dem Sport wohl pauschal jegliche Glaubwürdigkeit absprechen. Diejenigen, die nicht dafür waren, alle Russen in einen Sack zu stecken und draufzuhauen, hätten dem IOC bei einem Komplettausschluss Sippenhaft bescheinigt. Und auch der Beschluss, die Russen unter neutraler Flagge, ohne Hymne, ohne Landessymbole antreten zu lassen, dürfte Widerspruch auslösen: Es sieht so aus, als ob das IOC die Verantwortung abgeben wollte. Denn es ist zu bezweifeln, dass Russland den faulen Kompromiss akzeptiert.

Juristisch betrachtet, ist er für das IOC vermutlich unbedenklicher als ein Komplettausschluss. Wie schon vor den Sommerspielen 2016 in Rio, als das IOC die internationalen Sportverbände über russische Startrechte entscheiden ließ, stellt sich die Frage: Hält eine in der Sportgerichtsbarkeit mögliche Kollektivstrafe auch vor zivilen Gerichten stand? Die fehlende Antwort darauf lässt unschwer eine Klageflut mit millionenschweren Schadenersatzforderungen erahnen. Noch ist nicht einmal geklärt, wie hieb- und stichfest die von einer IOC-Sonderkommission aufgeführten Beweise gegen die bereits lebenslang für Olympia gesperrten 25 Einzelathleten wie zum Beispiel Skilangläufer Alexander Legkow sind.

Hinzu kommt die moralische Ebene: Zweifellos hätte ein Olympiabann auch Athleten getroffen, die in das staatlich geförderte Dopingsystem vor und während der Spiele in Sotschi nicht involviert waren. Das IOC mit seinem Präsidenten Thomas Bach an der Spitze befindet sich im Dilemma, ganz zu schweigen von der politischen Dimension der Aufarbeitung. Die Großmacht Russland - wo einen Monat nach den Spielen in Südkorea Wahlen stattfinden - auszuschließen, käme bei Präsident Wladimir Putin wohl nicht gut an.

Sicher kann man davon sprechen, dass das IOC in Sotschi vom Gastgeber gedemütigt wurde. Die Enthüllungen des in die USAgeflüchteten Kronzeugen Grigori Rodtschenkow klingen zwar wie ein Science-Fiction-Film, wenn eigentlich 100 Prozent sicher versiegelte Urinproben geöffnet und mit Hilfe von russischen Geheimdienstlern durch ein Mäuseloch im Labor vertauscht wurden. Doch die Indizien für diese unglaublichen Vorgänge in Sotschi sind erdrückend. Und letztlich liegt für alles die Verantwortung beim IOC, dem Veranstalter der Spiele.

Das IOC sah darüber hinweg, wie es die Welt-Anti-Doping-Agentur zuließ, dass ein umstrittener Mann wie Rodtschenkow Leiter des Sotschi-Labors sein durfte. Und das IOC hat es bisher in Zusammenarbeit mit den internationalen Sportfachverbänden nicht geschafft, unabhängige Strukturen im weltweiten Kontrollsystem zu schaffen. Dass sich solch eine Organisation mit der "Behörde für Doping-Testverfahren" gerade im Aufbau befindet, lässt für die Zukunft hoffen. Hoffen, dass sich die Herren der Ringe künftig mehr mit Sportinhalten beschäftigen können. Zum Beispiel, wie das IOC seine Gelder vernünftig wieder in den Sport investiert.

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