Fleischbranche vor Umbruch?

Corona hat die Zustände in der deutschen Fleischindustrie offengelegt. Die Politik hat geschwiegen und die Missstände geduldet, der Verbraucher mit mehr oder weniger schlechtem Gewissen zum billigen Nackensteak gegriffen. Gerade aber scheint sich etwas zu drehen: Die große Mehrheit der Bürger in Deutschland spricht sich einer ZDF-Umfrage zufolge für eine schärfere Regulierung von Schlachtbetrieben aus, selbst wenn dadurch die Preise steigen. 92 Prozent der Befragten würden schärfere Gesetze befürworten.

Wenn es um die ach so böse Fleischindustrie und Billigkoteletts vom Discounter geht, sollten sich alle aber auch mal ehrlich machen: Die miserablen Zustände in den Schlachthöfen haben zwei Ursachen - Geiz und Gier. Geiz, weil immer noch zu viele nach billigem Fleisch verlangen und nicht bereit sind, einen angemessenen Preis für ihre Wurst zu zahlen. Und Gier, weil die Leute, die unser Fleisch herstellen, trotz der niedrigen Preise viel Geld verdienen wollen.

Deswegen müssen die meisten Tiere zusammengepfercht in engen Ställen hausen und Futter für ein rasantes Wachstum fressen, weil das viel billiger ist, als sie langsam auf der Weide an der frischen Luft groß werden zu lassen. Und in den Schlachthöfen müssen Menschen fast wie Sklaven schuften und in billigen Unterkünften hausen.

Um das zu ändern, traf sich Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) am Freitag mit Amtskolleginnen und Vertretern der Branche. Nicht überraschend hatte sich die deutsche Fleischindustrie zuvor schon für das von der Bundesregierung geplante Verbot von Werkverträgen in Schlachthöfen ausgesprochen. Jahrelang hatte sie sich dagegen gesträubt. Jetzt, wo es wohl unvermeidbar ist, spricht man sich dafür aus. Der Fleischindustrie geht es gerade ums Image. Ob vielleicht doch noch ein paar Ausnahmen ins Gesetz geschrieben werden könnten...? Schließlich hat sich Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) in der Vergangenheit stets mehr für die Belange der Konzerne eingesetzt als für die Rechte der Verbraucher. Nach dem Treffen forderte sie "grundlegende Veränderungen im Fleischmarkt". Worte - man sollte misstrauisch bleiben. Freiwillige Vereinbarungen reichen längst nicht mehr aus.

Zum Preis fürs Fleisch: Wie können angemessen höhere Preise auf dem Markt durchgesetzt werden? Höhere Standards in der fleischverarbeitenden Industrie müssen zügig eingeführt und umgesetzt werden. Diese betreffen eine bessere Unterbringung und Bezahlung der Arbeiter sowie eine andere Tierhaltung, die vor allem dem Tierwohl verpflichtet ist. Dann ziehen die Fleischpreise automatisch an. In der besagten ZDF-Umfrage glaubten allerdings nur 55 Prozent der Befragten, dass die Bürger generell bereit seien, mehr Geld für Fleisch auszugeben. Das ist der Knackpunkt. Eine ehrliche Kampagne der Fleischindustrie könnte vielleicht beim Verbraucher mehr Einsicht fördern - Einsicht in angemessenere Preise. Deutschland könnte ein Vorreiter für Europa werden. Ob die Ministerin das auf den Weg bringen kann und will? Zweifel bleiben.

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2Kommentare
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  • 2
    1
    klapa
    27.06.2020

    Ja, Herr Lorenz, was ich noch sagen wollte.

    Die Schänder des Egede-Denkmls in Grönland - FP 27.06. - als Aktivisten zu bezeichnen, ist wohl auch nicht ganz korrekt.

    Sie sind in den Augen vieler Menschen Gesetzesbrecher, die Gemeineigentum verschandeln.

    Sie müssen deshalb zur Rechenschaft gezogen werden.

  • 5
    1
    klapa
    27.06.2020

    Aber, Herr Lorenz, das ist doch nun wirklich keine neue Erkenntnis, dass Geiz und Geld , man kann auch sagen Profitgier, die Antriebskräfte dieses Systems sind.

    Exemplarisch nachgewiesen am König der Schlachter. Das gilt im Prinzip für jeden Eigentümer an Produktionsmitteln.

    Sparen bei den Arbeitnehmern, wo es nur geht. Beim Entgelt, bei den Arbeitsbedingungen und kassieren, auch mit ausbeuterischen Methoden, die es doch in Deutschland eigentlich gar nicht mehr gibt.

    Nein, HerrLorenz, das ist üblich seit Bestehen dieser Gesellschaftsordnung.