Forscher fordern die Wende im Verkehr

Zur Positionierung der Wissenschaftakademie Leopoldina im Diesel-Streit

Ein kleiner, aktueller Rundgang durch den Datenschatz des Umweltbundesamtes: Fünfmal seit 1. Januar ist in Glauchau der Grenzwert für die Feinstaubbelastung, 50 Mikrogramm pro Kubikmeter im Tagesmittel, überschritten worden. Viermal in Zwickau, je zweimal in Chemnitz und in Plauen. Die Jahreshitliste 2018 führt Chemnitz an mit zehn Überschreitungen, von Plauen gefolgt mit neun, Glauchau mit acht.

Vom Feinstaub zum Ozon, ein Sommerproblem. Voriges Jahr wurde das Acht-Stunden-Tagesmaximum von 120 Mikrogramm pro Kubikmeter auf dem Fichtelberg glatte 80-mal gerissen, in Carlsfeld 52-mal, 41-mal in Chemnitz. Alle Daten stehen frei zugänglich online, immer aktualisiert, auf den Seiten der zentralen Umweltbehörde, des deutschen Umweltbundesamtes.

Ozon ist ein Treibhausgas wie Wasserdampf und Kohlendioxid. Es treibt den Klimawandel an. Feinstaub ist ein Atemkiller, ein Abprodukt der Industriegesellschaft, das Kinder husten lässt und in der Lunge nistet. Die Nationale Wissenschaftsakademie Leopoldina hat festgestellt, dass Feinstaub für die Gesundheit viel schädlicher ist als Stickstoffoxid, das "Diesel-Gas". Nein, sie hat es nicht wirklich "festgestellt". Sie hat es ausgesprochen.

Die Bundesregierung wollte von der Leopoldina, dass sie im Streit um Grenzwerte für Luftschadstoffe Position bezieht. Nachrichtenwert hat vor allem die Feststellung der Forscher, "kleinräumige und kurzfristige Verkehrsbeschränkungen", sprich: Dieselfahrverbote in einzelnen Straßen, seien gesundheitlich wenig wirksam. Weder sei der Umwelt noch den Menschen gedient, wenn Verkehr in andere Stadtgebiete ausweicht. Und die Ersetzung aller Diesel-Flotten durch andere Verbrenner nütze auch nicht viel.

So weit, so erwartbar. Was fordert nun die Forscherelite? Eine "nachhaltige Strategie und grundlegende Verkehrswende" - eine Systemrevolution also statt einer Politik der Nadelstiche. Freispruch für den Diesel? Nein. Aber es geht hier um mehr als einen Sündenbock.

Glückliche Wissenschaft. Wo es um ökologische Wahrheiten geht, ist sie so unabhängig, auf Popularität zu pfeifen. Die Politik kann das nicht. Das für richtig Erkannte in einer komplexen und von vielfältigen Interessen bestimmten Gesellschaft durchzusetzen, ist eine Kunst für sich. Und so tauschen wir die Ebene der wissenschaftlichen Erkenntnis mit der des Handwerks zu ihrer praktischen Umsetzung unter demokratischen Bedingungen.

In dieser politischen Arena nun kann es durchaus helfen, mit Grenzwerten zu operieren, wo Forscher ein Kontinuum statt einer Schwelle sehen. Mit solchen "Nadelstichen" lassen sich Innovationen anregen, politische Initiativen befördern und Mehrheiten verändern. Längst wird hierzulande nicht mehr nur über den Diesel, sondern ernsthaft über neue Mobilitätskonzepte diskutiert. Vor der "Diesel-Debatte" war das in dieser Breite nicht der Fall.

Die Leopoldina rät, sich nicht weiter in Diesel-Sperrzonen zu verbeißen, sondern Feinstaub stärker zu ächten, alternative Antriebe und den öffentlichen Nahverkehr zu fördern und - hört, hört! - die Geschwindigkeit auf Autobahnen zu beschränken. Nur auf städtischen, wohlgemerkt. Ein Nadelstich nur. Aber wir kennen ja das Prinzip.

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