Für eine Zukunft nicht irgendwo

Kosmos in Chemnitz: Ein Tag voller Musik, Begegnung und Debatte - das Experiment wurde zu einem entspannten Fest. Die Organisatoren waren Bürger, Unternehmen und das Stadtmarketing.

Wenn Daniel Ziblatt recht behält, dann hat Chemnitz noch eine Chance. Demokratien sterben leise, lautet die These des Harvard-Politologen. Chemnitz war gestern laut. Eine Mischung aus Party und Statement, ein weiter Kosmos. Selbst wenn m an die überregionale Grönemeyer-Fangemeinde abzieht, die Bilder waren eindeutig. Da sind viel mehr unter uns, als der alltägliche Sound der Gesellschaft vermuten lässt, denen diese Stadt, die Republik - eine freie Gesellschaft schlechthin etwas wert sind.

Auch wenn nicht jedes Diskussionsangebot das Interesse, nicht jede Podiumsdiskussion die Aufmerksamkeit fand, wie es sich die Initiatoren vielleicht erhofft hatten, dieser Tag hat Chemnitz gutgetan. Und das schon von dem Zeitpunkt an, als sich Menschen zusammenfanden, um etwas auf die Beine zu stellen gegen die schleichende Gewöhnung an eine Stadt, die die besten Zeiten scheinbar hinter sich hat.
"Ich komm aus Karl-Marx-Stadt, bin ein Verlierer, Baby, original Ostler!", heißt es in einem der ersten Kraftklub-Hits. Das ist nur auf den ersten Blick so gemeint, wie es dasteht. Nämlich nur dann, wenn man sich von dieser Zuschreibung unterkriegen lässt. Im eigenen Selbstmitleid zerfließt, darüber klagt, dass die andern nichts machen: die Merkel nichts gegen die Flüchtlinge, die Stadt nichts gegen die vielen Autos, die einem den Parkplatz wegnehmen und der Nachbar nichts gegen den Dreck im Hausflur. Schlimme Welt, in der man gelandet ist. "Egal woran es liegt, es liegt nicht an mir", um noch einmal Kraftklub zu zitieren.

Die Band hat der Stadt in den letzten Jahren mit dem "Kosmonaut" nicht nur ein feines Festival geschenkt, sondern durch ihre Verwurzelung hier, ihr wiederkehrendes Engagement die Stadt weniger alt aussehen lassen und andere dazu ermutigt, ähnlich zu handeln. Auch ohne Star-Status.

Wer dagegen die Hilflosigkeit kultiviert, braucht keine Ausreden mehr. Kann sich hingeben, mit sich leben und machen lassen, gewinnt vielleicht Ruhe, aber verliert sein Ich, seine Stadt. Ohne Revolution. Stück für Stück. War das nicht schön, früher?

In Chemnitz leben viele Menschen, das hat der Donnerstag gezeigt, die hier eine Zukunft suchen. Hier und nicht irgendwo. Menschen, die hier eine Familie gründeten oder ein Unternehmen zum Laufen brachten. Beides lässt sich nicht ohne Schmerzen und Verlust von A nach B verlagern. Und beides erklärt ein Stück weit mit, warum die Macher dieses Donnerstags eher jünger sind, Kreative, oft Unternehmer, die in aufstrebenden Branchen noch etwas vorhaben in dieser Stadt.

Nicht nur ein Auto muss mit Energie versorgt werden. Auch die Demokratie braucht ständig neuen Treibstoff. Sonst bleibt sie auf der Strecke. Die Organisatoren des Kosmos, Bürger und Stadt, haben Chemnitz aufgetankt. Und zehntausende Chemnitzer und Gäste sind zumindest für diesen einen Tag eingestiegen und mitgereist. Nicht ferngesteuert. Sondern selbstbestimmt. Auch wenn das Ziel der Reise noch offen ist.

Bewertung des Artikels: Ø 4.6 Sterne bei 10 Bewertungen
2Kommentare
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  • 4
    3
    acals
    05.07.2019

    A propos Treibstoff: Der kommt natürlich aus dem kommunalen Steuerzahlersäckel. Warum auch nicht! Am Ende gut so - aber nachhaltig wird es erst, wenn die Leute auch der Sache wegen kommen. Das darf ein Kommentar auch abbilden, ansonsten bleibt auch dieser Polemik.
    Ich hätte mich diesbezüglich zu korrigieren wenn die Künstler erklären das sie rein charitativ also ehrenamtlich vorgetragen haben.

    Die römischen Kaiser haben Brot und Spiele eingeführt, und im Kolosseum gabs auch Freibier, eh Freiwein. Der Kaiser wegen kamen ... na ja, der Rest ist wohl klar.

  • 2
    1
    jeverfanchemnitz
    05.07.2019

    Top Kommentar. War genau mein Empfinden vor Ort.



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