Gedenkfeiern nicht ohne Ironie

Zum D-Day-Zeremoniell in Portsmouth

Mit mehr als zwei Dutzend Veranstaltungen gedenken die Briten in diesen Tagen der Invasion in der Normandie, D-Day genannt. Die britische Premierministerin Theresa May und US-Präsident Donald Trump erinnerten am Mittwoch in Portsmouth an den hohen Blutzoll, den die "greatest generation", wie man sie in Amerika nennt, erbracht hat, um Europa zu befreien. Große Worte, die aber durchaus gerechtfertigt sind. Schließlich war es die Opferbereitschaft jener "großartigsten Generation", die die Basis schuf für eine neue europäische Ordnung, die dem Kontinent 70 Jahre des Friedens beschert hat.

Dennoch entbehrt das Lob nicht einer gewissen Ironie. Denn heute wird diese europäische Ordnung gerade von Trumps Amerika wie auch vom Brexit-Großbritannien untergraben. Der Multilateralismus, der nach 1945 auch als Reaktion auf einen übersteigerten Nationalismus in den Vordergrund rückte, ist überall in der Defensive. Die Lehren aus dem Zweiten Weltkrieg scheinen nicht nur in Trumps Amerika und in Großbritannien zu verblassen.

May beschwor zwar die Allianz und betonte die Zusammenarbeit westlicher Länder für Sicherheit und Wohlstand. Das klingt scheinheilig angesichts des Brexit-Theaters auf der Insel. Und der US-Präsident machte schon vor seiner Großbritannien-Reise seine Sympathien für einen Brexit deutlich. Dann mischte er sich diplomatisch wie immer auch gleich noch in die Innenpolitik ein, indem er den konservativen Polit-Clown Boris Johnson als einen geeigneten Nachfolger für Premierministerin May adelte.

Der US-Präsident stellt immer wieder die Bündnisverpflichtung Amerikas in der Nato infrage und steht dem europäischen Einigungsprojekt offen feindselig gegenüber. Sein Ziel: Europa zugunsten Amerikas schwächen. Da hat er etwas mit Russland gemeinsam. Auch Wladimir Putin hat kein Interesse an einem starken Europa. Großbritannien tut ihnen schon mal den Gefallen mit dem geplanten Brexit.

Es ist in unserer Zeit kaum noch begreifbar, welchen Kraftakt die USA und die Briten im Zweiten Weltkrieg vollbracht haben, um die Freiheit zu verteidigen und sich Nazi-Deutschland in Europa entgegenzustellen. Beide Mächte waren von da an eingebunden in das Gefüge Kontinentaleuropas. Die Amerikaner übernahmen die Rolle als globaler Ordnungsfaktor, die das britische Empire zuvor gespielt hatte. Und daran haben heute so manche Konservative und Unzufriedene im Königreich zu knabbern.

Portsmouth mit seiner 800-jährige Seefahrtsgeschichte steht symbolisch für den nostalgischen Irrglauben der Brexit-Befürworter, man könne wieder an die Rolle des Empires anknüpfen, wenn man nur die EU los wäre. In Portsmouth liegt die "HMS Victory", das Flaggschiff Admiral Nelsons in der Schlacht von Trafalgar. Mit seinem Sieg 1805 gegen die spanische und französische Flotte sicherte Lord Nelson London die Vormacht auf den Weltmeeren. Vergangene Zeiten. Wie der D-Day im Zweiten Weltkrieg. Doch der mahnt uns bis heute.

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